10 Monate, 10 Tage und 1000 neue Eindrücke

Seit einem Monat bin ich wieder zuhause. Genug Zeit, um meine Zeit in Südafrika Revue passieren zu lassen, auch schriftlich. Hier ist mein offizieller weltwärts-Abschlussbericht.DSC_0183

In der Arbeit – von wegen Bürojobs sind langweilig!

AIDC ist eine ungeheuer vielfältige Organisation. Es ist mir bis zuletzt schwer gefallen, auf den Punkt zu bringen, was sie eigentlich alles macht. Ich habe also eine Vielfalt möglicher Arbeitsfelder vorgefunden und mit Jeff einen Betreuer, der mir viel Freiheiten ließ, mir welche auszusuchen, die mir liegen. Letztlich habe ich an mehreren interessanten Projekten gearbeitet:

Wirklich „mein“ Projekt waren dabei die Animationsfilme. Letztendlich habe ich es auf drei Stück gebracht, und zwar zu den Themen Regenwasserzisternen, Solarthermie und Klimawandel. Obwohl die Filme ursprünglich zur Verbreitung über Social Media gedacht waren, kam das leider nie so ganz in Schwung. Trotzdem habe ich das Gefühl, etwas Nützliches getan zu haben, denn immerhin fragten dreimal Leute bei mir an, ob sie die Videoclips für eigene Veranstaltungen nutzen dürfen – zum Beispiel auf der Water Justice Conference in der St. George´s Cathedral vor mehr als 100 Leuten.

Um nicht die einzige zu bleiben, die sich mit Animationsfilm auskennt, habe ich mich mit Madoda, dem Kopf hinter AIDCs Popular Education Program, zusammengetan. Im Februar haben wir einen eintägigen Filmworkshop für die jungen Männer aus dem Lesezirkel, den er wöchentlich in Khayelitsha abhält, veranstaltet. Madoda kümmerte sich um den inhaltlichen Beitrag, ich war für die technische Seite verantwortlich und habe den Jungs aus dem Township Stop-Motion und Videobearbeitung erklärt. Das entstandene Video behandelt das Thema Arbeitslosigkeit und kann sich gemessen an der Kürze der Zeit, in der es entstanden ist, echt sehen lassen. Um in der zweiten Auflage mehr inhaltliche Tiefe zu erreichen, haben Madoda und ich uns im April zweimal in Khayelitsha mit dem Lesezirkel getroffen und das Thema Fremdenfeindlichkeit diskutiert. Die Erkenntnisse aus der Diskussion sollten in das Script einfließen. Dann verloren die Reading Group, Madoda und ich uns leider in endlosen Aufschüben. Zum Glück haben wir in der ersten Augustwoche doch noch einen Filmworkshop zustande bekommen. Die Erinnerungen an unsere Diskussionsrunden ein Vierteljahr früher waren  zwar schon etwas verschüttet, aber Madoda hatte Notizen, sodass wir die wichtigsten Inhalte noch einmal zusammenfassen konnten. Das Ziel war ursprünglich, dass das Grüppchen, solange ich da bin, so viel über Videoproduktion lernt, dass sie danach auch selber Filme machen können. Ich glaube, das ist, weil wir die Zeit so schlecht genutzt haben, nicht ganz geglückt. Zwar waren die jungen Männer im zweiten Workshop schon viel selbstständiger, als es um die Erstellung eines Drehbuchs und die Animation der Figuren ging, aber was den Umgang mit dem Videoschnittprogramm angeht, gab es mangels Routine noch Schwierigkeiten.

Eine weitere Aufgabe, die mich lange beschäftigt hat, war die Endredaktion des neuen Million Climate Jobs Booklets, das die Frage behandelt, wie man durch die Umstellung auf erneuerbare Energien eine Million neue Arbeitsplätze schaffen kann. Seit Dezember war ich diejenige, die die 60 Seiten immer wieder auf Rechtschreib und Formatierungsfehler kontrollgelesen und alle Änderungen der Autoren in einer Version zusammengestellt hat. Auch die illustrierenden Diagramme habe ich erstellt. Letztlich bin ich sogar zur Co-Autorin aufgestiegen. Nachdem die externen Gutachter ein Kapitel über Biogasanlagen vermisst hatten, musste unter Zeitdruck eines eingefügt werden. Es schien wenig aussichtsreich, dass uns ein Fachmann so kurzfristig ein paar Absätze schreiben würde. Deswegen nutzte ich meine Notizen aus dem Vortrag eines Fachmanns, um das Kapitel zu schreiben. Schade ist, dass ich das Booklet letztlich nicht mehr gedruckt gesehen habe. Den Kontakt mit den Druckereien habe ich meiner Nachfolgerin übriggelassen.

Dazu kamen viele kleiner Aufgaben: Protokoll schreiben bei den monatlichen Climate Jobs Meetings, Rechercheaufträge, Hilfe, wo Hilfe gebraucht wurde. Natürlich gab es auch die Dinge, die weniger Spaß gemacht haben. Seitenweise Adressen in die Datenbank einzutippen oder im großen Stil Artikel für die Website zu formatieren, hat mich zwar gut beschäftigt gehalten, war aber nicht die große Erfüllung.

Durch meine Arbeit bei AIDC bin ich – das liegt in der Natur der Organisation – sehr stark mit südafrikanischer Politik in Kontakt gekommen. Besonders Zumas Kabinettsumstellung und die folgenden #Zumamustfall-Proteste machten meine Zeit in Südafrika zu einer politisch spannenden. Bei AIDC wurden zu vielen Aspekten der Tagespolitik Diskussionsforen veranstaltet. Auch wenn ich AIDCs marxistischer Weltsicht nicht immer zugestimmt habe, habe ich nicht ungern zugehört, die Informationen für mich gefiltert und eingeordnet und so doch eigentlich immer etwas gelernt.

Obwohl mein Bürojob viel abwechslungsreicher war, als erwartet, freute ich mich immer besonders, wenn sich die Gelegenheit ergab, über den Tellerrand hinauszugucken. Besonders schön war es, wenn ich so Dinge, von denen ich schon gehört und gelesen hatte, selber erleben konnte. Zu den Highlights in dieser Hinsicht zählten eine Farmlandtour im Philippi Horticultural Area, der Besuch der Water Justice Conference und die Summer School an der Universität zum Thema „Mining the West Coast and the Wild Coast – at what cost?“.

Eines würde ich im Nachhinein betrachtet anders machen: Ein Standardsatz meiner Kollegen war „I have a meeting at…“ und dann waren sie auch schon weg, ohne genau zu sagen, worum es in dem Meeting geht, oder gar zu fragen, ob ich mitkommen will. Natürlich ist jeder des eigenen Glückes Schmied. Wahrscheinlich hätte ich mit etwas mehr hartnäckigem Nachfragen noch viele andere interessante Eindrücke gewinnen können.

So viel gelernt

weltwärts soll ein Lerndienst sein. Was habe ich also gelernt?

An erster Stelle habe ich viele Menschen kennengelernt. Zum einen meine Kollegen bei AIDC, die es mir leicht machten, mich willkommen zu fühlen. Ich habe gerne mit ihnen zusammengearbeitet, auch wenn ich mich erst einmal auf den südafrikanischen Arbeitsrhythmus einschwingen musste, in dem Fristen und langfristige Planung etwas lässiger gehandhabt werden, als ich das bisher gewohnt war. Der Abschied fiel mir dafür letztlich umso schwerer. Als bei meiner Abschiedsfete alle sagten, was sie an mir schätzen, war ich sehr gerührt und fühlte mich noch viel angenommener als ohnehin schon. Zum anderen habe ich einige Freizeitbekanntschaften geschlossen. Ziemlich schnell hatte ich in der Kletterhalle Kletterpartner gefunden, mit denen ich auch an den Kletterfelsen rings um Kapstadt unterwegs war. Auch in der Studentengruppe der Kirche habe ich einige Kontakte knüpfen können.

Auf ganz praktischer Ebene habe ich gelernt, wie man sich in Kapstadt zurechtfindet. Fortbewegung schien mir zuerst wie ein Buch mit sieben Siegeln. Jeder, der ein Auto hat, behauptet, dass man ohne in Kapstadt gar nicht leben kann. Das verkennt allerdings, dass die meisten Leute genau das tun. Es gibt also Wege – man muss sie nur finden. Im Laufe des Jahres hatte ich diesbezüglich eine steile Lernkurve. Zuletzt hatte ich die Liniennetzpläne der MyCiti-Busse und der Vorortzüge im Regal stehen und eine gute Vorstellung davon, wo welche Minibustaxis hinfahren. So habe ich es tatsächlich fast überall, wo ich hin wollte, auch hin geschafft. Jedenfalls bei Tag, denn sobald es dunkel wird, ist man in Kapstadt aus Sicherheitsgründen ohne eigenes Auto doch wieder aufgeschmissen.

Ganz nebenbei habe ich die Stadt kennen und schätzen gelernt. Mein WG-Zimmer war nicht spektakulär genug, dass es mich dort an freien Tagen lange hielt. Lieber habe ich etwas unternommen. Im Sonnenschein an der Uferpromenade spazieren gehen, ein Eis essen in der Long Street, mit Freunden auf den Tafelberg steigen und dann den Tag am Strand ausklingen lassen, oder bei Regen im Kino, im Theater oder in Museen verschwinden…

Alles paradiesisch? Nicht ganz, nicht für alle. Das hat mir vor allem die Zusammenarbeit mit den jungen Männern aus dem Lesezirkel vor Augen geführt. Die meisten von ihnen hatten die Schule abgebrochen, weil ihre Eltern keine Arbeit und deshalb kein Geld hatten, das Schulgeld zu zahlen, und nun finden die Jungs selbst keine Arbeit. Arbeitslosenunterstützung gibt es nicht. Ich habe mich oft gefragt, wovon sie und ihre Familien überhaupt leben. In Deutschland arbeitslos zu sein, ist sicher nicht angenehm, aber diese Mischung aus Armut und Hoffnungslosigkeit ist damit nicht vergleichbar.   Dass der Zugang zu Bildung und das Sozialsystem, wie wir es in Deutschland haben, alles andere als selbstverständlich ist, habe ich nun gelernt.

Ich bin mit dem Ziel nach Südafrika gegangen, nicht nur meine Englischkenntnisse zu verbessern, sondern auch eine Sprache zu lernen. Das hat ganz gut geklappt. Durch meine Sprachkurse und im Alltag aufgeschnappte Phrasen habe ich genug Xhosa gelernt, um etwas Smalltalk und einfache Dialoge, zum Beispiel beim Einkaufen, bewältigen zu können. So richtig zum Einsatz kamen diese Fähigkeiten leider nie, weil in Kapstadt eigentlich jeder Englisch kann und die meisten Leute, die ich auf Xhosa ansprach, auch auf Englisch antworteten, um es mir einfacher zu machen. Als soziales Schmiermittel war es jedoch immer gut, ein paar Grußformeln auf Lager zu haben. Es wäre schön, wenn ich jetzt in Deutschland einen Xhosa-Übungspartner finden würde, damit von meinen Sprachkenntnissen mehr übrig bleibt, als ein vollgeschriebenes Vokabelheft.

10 Monate 10 Tage weg von zuhause… In der Zeit lief bei weitem nicht alles glatt. Es gab immer wieder Momente, in denen ich mir einen Ruck geben musste. Oder in denen ich meine Erwartungen erst einmal den Gegebenheiten anpassen musste. Auch das gehört wohl zum Lernen dazu.

Es ist beinahe 2 Jahre her, dass ich meine Bewerbung für ein Auslandsjahr in Südafrika abgeschickt habe. Jetzt im Nachgang würde ich sagen, dass das eine gute Entscheidung war.  Die gewonnenen Eindrücke und Erfahrungen möchte ich nicht missen.

Wie geht es weiter?

Künftig gilt: Tafelwerk statt Tafelberg. Zum Wintersemester beginne ich ein Biochemiestudium an der Universität Göttingen.

Im November steht mir noch ein Nachbereitungsseminar bevor. Bis dahin lasse ich meinen Blog online und werde ihn auch weiter mit Artikeln füttern, allerdings wohl nicht in der gewohnten Regelmäßigkeit.

 

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Eingewöhnungswoche daheim

Am vergangenen Sonntag um 11:37h bin ich nach mehr als 10 Monaten wieder in Erfurt aufgeschlagen. Da steckten mir fast 24h Reise in den Knochen. Doch mal von vorn…

Samstag Vormittag… der Koffer zu, der Kleiderschrank leer, mein Vorratsfach in der Küche mitsamt Restbeständen an Gewürzen an meine Nachfolgerin übergeben. Unter der Floskel „Auf gepackten Koffern sitzen“ kann ich mir jetzt etwas vorstellen. Um kurz nach 12 lieferte ich beim Vermieter meinen Schlüssel ab und lud meinen Koffer ins Auto einer kapstädter Freundin, die mich zum Flughafen brachte. Dort brachte ich dann den letzten von unzählig vielen Abschieden hinter mich.

Der spannendste Moment war die Gepäckaufgabe. Mangels Waage konnte ich im Voraus nur schätzen, wie schwer mein Koffer ist. Dass das Limit von 23kg wohlmöglich knapp werden könnte, habe ich aber die ganze Zeit befürchtet. Auf dem Display am Schalter leuchtete letztlich eine kleine 22,5 auf – Maßarbeit! Und große Erleichterung meinerseits. Vor allem auch darüber, das keiner mein Handgepäck wiegen wollte. Das war vor lauter Xhosa-Sprachkursheften, vollgeschriebenen Notizbüchern und Mitbringseln nämlich mit Sicherheit zu schwer.

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Letzter Blick auf Kapstadt

Mein Flug nach Frankfurt via Johannesburg und Zürich und die Zugfahrt nachhause waren lang genug, um noch einmal die vergangenen Monate Revue passieren zu lassen. Ich habe beschlossen, dass das einen eigenen Blogbeitrag wert ist – in den nächsten Tagen mehr dazu!

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Home Sweet Home

Beim Vorbereitungsseminar wurden wir vorgewarnt, dass wir nach unserer Rückkehr mit großer Wahrscheinlichkeit einen umgekehrten Kulturschock erleiden werden. So schockierend fand ich die letzte Woche nicht, nur am ersten Tag waren einige Kleinigkeiten ungewohnt. Schon auf der Zugfahrt von Frankfurt nach Erfurt fiel mir auf, dass alles so ungeheuer grün ist – Aus Kapstadt war ich eine eher trockene Landschaft gewöhnt. Genauso seltsam fand ich es, als mein Sitznachbar dem Snackverkäufer im Zug einen Kaffee abkaufte und mit Münzgeld bezahlte. Irgendwie war mein Gehirn noch darauf geeicht, dass ein Filterkaffee 20 Rand kostet – und das ist ein Geldschein. Und natürlich habe ich zunächst auch noch die Nachbarn mit „Hello“ gegrüßt. Darüber bin ich inzwischen hinweg.

Ich wurde im Laufe der letzten Woche ein paar Mal mit „Du hast dich ja gar nicht verändert!“ begrüßt. Das würde ich so nicht ganz unterschreiben – meine Zeit in Südafrika ist sicherlich nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Ein Problem, mich wieder in das gewohntee Umfeld einzufügen, hatte ich bisher trotzdem nicht. Im Gegenteil habe es genossen, mich mit alten Freunden zu treffen, und unsere familäre Kartenspielrunde ebenso. Und ich weiß es sehr zu schätzen, nun wieder ganz einfach mit dem Fahrrad von A nach B zu kommen, sogar wenn es schon dunkel ist.

Großes Interesse an meiner Heimkehr hatte allerdings auch die Krankenversicherung, bei der ich mich ganz offiziell zurückmelden musste. Obendrein hatte ich auch für den Studienstart noch einige Formulare auszufüllen. Deutsche Bürokratie? Ich glaube, das wäre nirgendwo anders. Trotzdem habe ich mir meinen ersten Terminplaner seit meinem Schülerkalender gekauft.

Mit moderner Kommunikation ist es zum Glück kein Ding der Unmöglichkeit, mit meinen kapstädter Freunden und Kollegen in Kontakt zu bleiben. Tatsächlich freue ich mich wie eine Schneekönigin über jedes Lebenszeichen von ihnen und schreibe fleißig zurück. Es war mit Sicherheit nicht das letze Mal, dass ich in Südafrika war.