Speisekarte

 Die Suche nach dem Nationalgericht ist in Südafrika wahrscheinlich noch aussichtsloser als in den meisten anderen Ländern – zu vielfältig sind die Bevölkerungsgruppen. Das macht das Essen umso interessanter. Zeit für einen Ausflug in die Kulinarik…

Zum Frühstück…

Wenn ich an Frühstück denke, fallen mir als allererstes die schier unendlich vielen verschiedenen Varianten von Porridge ein. Natürlich kann man auch ganz profane Haferflocken kaufen, optional gibt es aber auch Instant-Haferporridge in mindestens 8 Geschmacksrichtungen, den man nur noch mit Wasser aufgießen muss. Ungefähr dieselbe Auswahl hat man, wenn man Frühstücksbrei auf Maisbasis kaufen will. Quinoa-Brei gibt es auch noch.

Ein ebenfalls sehr typisches Frühstück ist Umphokoqo. Das ist ein krümelig gekochter Maisbrei, der mit Sauermilch, Amasi, gegessen wird. Maisbrei habe ich mir noch nie selber gekocht, aber Amasi habe ich in den letzten Monaten für mein eigenes Frühstück liebgewonnen: Sie schmeckt nicht viel anders als Naturjoghurt, ist aber deutlich günstiger – und von daher eine gut geeignete Zutat für mein morgendliches Müsli.

Zu den meiner Meinung nach brilliantesten Brotaufstrichen im ganzen Supermarktregal gehört Peanut Butter Double Crunch – Mit Erdnussbutter und Karamellstückchen. Auch wenn ich das Zeug löffeln könnte, gefällt mir auch die Variante Erdnussbutter-Marmeladen-Toast ganz gut. Im Prinzip nichts Neues unter der Sonne – die hiesige Bezeichnung ist aber sehr poetisch: True Love.

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In einer Vetkoek-Braterei in Soweto

„It´s a breakfast thing“, sagte Isaac, mit dem ich in Soweto unterwegs war, über Vetkoeks. Vetkoeks… Im Prinzip handelt es sich dabei um frittierten Weißbrotteig. Tatsächlich stehen die Leute dafür morgens Schlange. Zum Vetkoek dazu gibt es gerne Poloni – Wurst, die wahrscheinlich alles außer Fleisch enthält. Wenn der Vetkoek frisch aus der Fritteuse kommt und noch heiß ist, schmilzt die Poloni auf dem Teig wie Butter. Wer früh um 8 schon ein bis zwei Vetkoeks intus hat, muss auf jeden Fall vor dem Mittagessen einige Bäume ausreißen, um in Form zu bleiben.

Was so´ne Fritte alles kann

Nicht nur Brotteig landet in der Friteuse, auch Kartoffeln bleiben nicht verschont. Das Ergebnis davon hatte für mich Kulturschock-Potential. Wenn ich Pommes bestelle, erwarte ich in der Regel ein Minimum an Knusprigkeit von den frittierten Kartoffeln. Die hiesigen Slapchips sind nämlich genauso schlabberig, wie sich das Wort schon anhört. Und eine wesentliche Zutat für allerlei andere Gerichte. Für Anfänger gibt es Chip Roll, das ist ein Burgerbrötchen gefüllt mit Pommes – Kohlenhydrate, was braucht man mehr?Vielleicht einen Gatsby. Bei Gatsbys wurde das Chip Roll Prinzip auf Baguettegröße ausgedehnt. Dafür liegen dann aber nach Wahl auch noch Salatblätter, Tomaten, kleingeschnittene Würstchen, Hühnerfleisch… auf der Weißbrotunterlage. So ähnlich funktioniert ein Kota. Das ist ein Viertel Toastbrot, aus dem das Innere herausgepult und durch Pommes, Wurst, Ei, Käse und ähnliches ersetzt wurde. Anschließend wird der Brotteig wieder über die Füllung drapiert – fertig!

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Ein Kota

Auf die Würzung kommt es an

20170728_140048.jpgMit dem Kota artverwandt, aber keinesfalls zu verwechseln, sind Bunny Chows. Statt mit Pommes, ist das Toastbrot nämlich in diesem Fall mit Curry gefüllt. Curry schmeckt in Kapstadt – wahrscheinlich liegt das am kapmalaiischen Einschlag – in der Regel sehr gut. Toastbrot ist nicht die einzige kreative Verpackungsmöglichkeit: Wenn das Curry in eine Art Pfannkuchen eingerollt ist, spricht man von Salomi. Erwähnenswert wären auch noch Samoosas. In den dreieckigen und knusprig frittierten Teigtaschen steckt längst nicht nur Curry. Es gibt auch Varianten mit Gemüse- oder Fischfüllung, die aber ebenso gut gewürzt sind.

Nirgendwo sonst gibt es wahrscheinlich Bobotie. Das ist eine Art Hackbraten mit einer cremigen Glasur aus gestockter Eiermilch. Das besondere ist die Würzung: Curry, Kurkuma, Lorbeer, Rosinen… Eine gelungene Mischung aus süß und scharf. Der Ursprung soll in der Küche der Sklaven in der Kapkolonie liegen, die aus billigstem Fleisch etwas leckeres kochen wollten, und dazu auf die Gewürze zurückgriffen, die von den Handelsschiffen so „runterfielen“. Als Beilage gibt es süßen, gelben Reis. Wenn obendrein Bananen gereicht werden, sollte man das als Warnung begreifen: Achtung scharf!

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Braai

„Bist du Vegetarierin?“ hat mich Norma, unsere Rezeptionistin, schon bestimmt 20 Mal gefragt. Und obwohl ich jedes Mal verneinte, wird sie den Verdacht nicht los. Offenbar sehe ich in ihren Augen so aus, als würde ich nicht ordentlich essen. Und eine ordentliche Mahlzeit, das ist Gesetz, enthält Fleisch. Wahrscheinlich erklärt das auch, weshalb Grillen, oder, wie das hier heißt, Braai, Volkssport ist.

Auf dem Rost landen einerseits die besten Stücke von Huhn, Lamm und Rind. Schweinesteaks sind,  soweit ich weiß, eher weniger verbreitet. Ziemlich elitär geht es zu, wenn mit Straußenfleisch oder Wild, wie Kudu und Springbok aufgebraten wird.

Die Township Kultur hat zwei weitere Grillgerichte mit sehr sprechenden Namen hervorgebracht: Gegrillte Hühnerfüße heißen Walkie-Talkie. Wenn ein ganzer Schafskopf auf dem Rost landet, ist von Smiley die Rede. Essbar sind die Bäckchen und das Hirn. Beide Gerichte habe ich nicht probiert.

Auch eine Variante von Bratwurst gibt es. Die Boerewors zeichnet sich durch eine Koriandernote aus und beweist, dass Fett ein guter Geschmacksträger ist. Man kann sie in ein Hotdog-Brötchen eingeklemmt und mit Röstzwiebeln garniert kaufen – eine Boerewors Roll.

Biltong-Latein

Als die Buren nach der Ankunft der britischen Kolonialisten auf den großen Trek aufbrachen, war das mit dem Grillen offenbar nicht so einfach. Sie wussten sich zu helfen: Das Fleisch wurde zur Konservierung getrocknet. Das Ergebnis heißt Biltong. Am weitesten Verbreitet ist Biltong auf Basis von Rind, aber auch Huhn, Strauß und Wild wird getrocknet. Im Supermarkt, in dem ich meistens einkaufe, gibt es eine „Biltong Bar“  Dort kann man am Schalter Biltong für x Rand kaufen und bekommt das Trockenfleisch dann in einer braune Papiertüte verpackt über den Tresen gereicht. Neben verschiedenen Würzungen hat man auch die Auswahl zwischen verschiedenen Vertrocknungsgraden. Chunks haben meistens noch etwas Restfeuchte, Snapsticks dagegen sind völlig trocken und man hat ganz schön an ihnen zu beißen.20170815_075158.jpg

So ähnlich verhält es sich mit Droewors, nur dass es sich hierbei um vertrocknete Würstchen handelt. Sie sehen ungefähr aus wie fingerdicke Wurzeln und sind ungefähr ebenso hart, geschmacklich aber nicht zu verachten.

Big Moma´s Kitchen

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Pap, Chicken Stew und Chakalaka

So heißt der Imbiss, zu dem ich manchmal in der Mittagspause gehe. Einerseits um die Xhosa-Gespräche der Köchinnen zu belauschen, andererseits schmeckt auch das Essen, das als African beworben wird, sehr lecker. Was gibt es? In der Regel Stew mit Huhn, Lamm oder Rind. Der Knochen wird mit serviert. Es ist üblich, das Knochenmark auszuzutscheln. Freitag  gibt es Innereien, eine Art Kutteln vermute ich, aber da habe ich mich bisher noch nicht dran getraut. Interessanter sind sowieso die Beilagen. Am besten schmeckt mir Samp&Beans, Umgqusho. Das sind Maiskörner und Bohnen, gekocht mit Zwiebeln und scharfen Gewürzen. Nahezu völlig geschmacksneutral ist dagegen Pap. Der steife Maisgrießbrei wird in einem großen Klumpen aufgetischt. Traditionell bröckelt man davon mit den Fingern Stückchen ab, die dann in die Soße getaucht werden. Mein Lieblingsgemüse ist Chakalaka.  Das sind fein geschnittene Paprika und Zwiebeln und Bohnen in einer dicken Tomatensoße. Erneut gilt: Achtung spicy! Wer es milder mag, kann Creamy Spinach bestellen. Creamy ist in diesem Fall sehr wörtlich zu nehmen. Es handelt sich quasi um Blattspinat in Sahnesoße.

Süße Kleinigkeiten

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Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll! Zu meinen Lieblingen gehört auf jeden Fall Melktart. Das ist so ungefähr die hiesige Variante von Käsekuchen. Die puddingartige Milchcreme sitzt in einem Tortelett aus Mürbteig und ist großzügig mit Zimt bestreut. Melktart gibt es in jedem Supermarkt und in wahrscheinlich allen Durchmessern von 5 bis 25 cm.

Als nächstes fallen mir Koeksisters ein. Wobei sich hinter diesem Begriff eigentlich zwei völlig verschiedene Dinge verbergen. Einerseits gibt es kapmalaiische Koeksisters. Das sind ungefähr handtellergroße Krapfen, die wenn sie aus der Friteuse kommen in Sirup und Kokosraspeln gewälzt werden. Was sie ausmacht, ist aber der Geschmack nach Zimt und Kardamom und Gott weiß was für anderen Gewürze, die dem Teig eine besondere Note geben. Andererseits gibt es kapholländische Koeksisters.  Die bestehen aus zwei ineinander verdrehten Teigsträngen, die ebenfalls frittiert und dann in Sirup gebadet werden. Das hat zur Folge, dass man die Dinger nicht essen kann ohne klebrige Finger zu bekommen und ein klebriges Gefühl im Mund. Dafür bildet aber der Sirup auf dem Teig eine Art Kruste und macht die Koeksisters knusprig.

Nicht nur knusprig, sondern hart sind Rusks. Es handelt sich dabei so ungefähr um das Äquivalent zu Zwieback. Erfreulich finde ich aber, dass es viele verschieden Geschmacksrichtungen gibt. Von Kondensmilch- über Müsli-Rusks bis zu Kreationen wie Schoko-Kirsch oder Blaubeer-Mohn ist fast alles zu haben. Wenn man die Rusks dann zum aufweichen in den Tee taucht, sorgt das, finde ich, für eine sehr gemütliche Atmosphäre.

Date Balls, Madeira Loaf, Lamingtons, Hertzoggies, eine gigantische Auswahl Donuts… Für Leute mit süßem Zahn gibt es auf jeden Fall viel zu probieren.

Zu Trinken

Kein Bürotag ohne Rooibos-Tee. Rooibos ist eine Fynbos-Pflanze und wächst am Kap sogar wild. Ander als in Deutschland, wo man im Café oft sehr spezifisch nach Rooibostee fragen muss, ist es hier der totale Normalfall. Das Rooibosteefieber hat noch ein Getränk hervorgebracht, das ich sehr zu schätzen gelernt habe: Cappuccino Red. Das ist ein Cappuccino auf Teebasis – und ich muss sagen, dass ich den Kaffee dabei nicht vermisse.

Was gerade in der Kapregion ebenfalls gut wächst, ist Wein. Die Weinberge rund um Stellenbosch und Franshoek liefern die Trauben für den einen oder anderen guten Tropfen. Mein Spezialgebiet ist das aber nicht. Wenn es an alkoholische Getränke geht, halte ich mich meistens an Cider fest. Savannah und Hunters sind die gängigen Labels und fast so weit verbreitet wie Bier.

Falls der Alkoholkonsum mal ausgeartet sein sollte, empfehlen meine Mitbewohner Stoney Gingerbeer gegen den Kater. Auch wenn Stoney das Beer  im Namen trägt, handelt es sich um ein ganz alkoholfreies Erfrischungsgetränk. Es schmeckt so ähnlich wie Schweppes Ginger Ale, nur unendlich viel süßer. Ob es wirklich gegen Kater hilft, kann ich nicht beurteilen. Tatsächlich scheint es aber unter allen Cool Drinks ein Favorit zu sein. Und das will etwas heißen, denn zuckerige Erfrischungsgetränke gibt es in allen erdenklichen Geschmacksrichtungen (süß, süßer, noch süßer) und Farben (braun, gelb, orange, knallorange, grün, rot…). Absurderweise kostet eine 2l-Flasche – das ist keine unübliche Verpackungsgröße – oft weniger als die gleiche Menge Wasser.

 

Diese Liste – und sie erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit – ist, denke ich, eine gute Illustration, wie schwierig „südafrikanische“ Küche zu definieren ist. Selbst wenn es kein Nationalgericht gibt, dann doch einen kulinarischen gemeinsamen Nenner. So weit ich das beurteilen kann, lässt sich der in folgenden Regeln zusammenfassen:

  • Eine Mahlzeit ohne Fleisch ist eine verlorene Mahlzeit
  • Der Grill darf niemals kalt werden
  • Das gleiche gilt für die Friteuse
  • Wenn schon süß, dann so richtig

 

Guten Appetit!

 

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Jetzt geht’s rund #4

Zwischendurch hatte ich schon nichtmehr daran geglaubt, dass der reißerische Titel meiner im April angefangenen Serie (hier gibt es #1, #2 und #3 zu lesen)  noch einmal zutreffen wird. Nachdem am 22. Juni der Constitutional Court beschlossen hatte, dass die geheime Abstimmung im Misstrauensvotum gegen den Präsidenten verfassungskonform ist, haben die Dinge zuletzt noch einmal Fahrt aufgenommen.

Am Montag fand ich mich wieder einmal in einem großen Protestmarsch gegen Zuma wieder. Ganz so viele Menschen wie am 7. April waren es allerdings nicht. Das liegt wahrscheinlich daran, dass dieses Mal nicht alle gemeinsam auf die Straße gingen. Der Marsch am Montag wurde von der „Civil Society“ getragen, die Oppositionsparteien dagegen marschierten erst am Dienstag und nicht zusammen.20170807_160207

Am Dienstag hatte ich die Gelegenheit, das Misstrauensvotum von der Besuchertribüne des Parlaments aus live zu verfolgen. Verbunden war das mit langem Schlangestehen und Warten, aber es hat sich gelohnt. Meine Erfahrung mit Parlamentsbesuchen beschränkte sich bisher auf eine außerordentlich langweilige Sitzung des Thüringer Landtags. Im Vergleich dazu, waren die Abläufe im National Assembly ein Kontrastprogramm.20170808_114735

Schon bevor die Debatte überhaupt begann, schlackerten mir nur so die Ohren. ANC-Parlamentarier, die laut singend und tanzend in den Sitzungssaal einziehen, und damit so lange nicht aufhören, bis sie – „Order in the House!“ – zurechtgewiesen werden. Währenddessen und direkt in meinem Blickfeld nehmen die Abgeordneten der Economic Freedom Fighters ebenfalls nicht gerade geräuschlos ihre Plätze ein.  Sie stecken allesamt und von oben in bis unten in kräftigst roten Kleidern, manche in einteiligen Arbeitsoveralls, andere in Hose und Hemd oder Kleid, dann aber garniert mit Arbeiterklasse-Accessoires wie Bauarbeiterhelmen und Gummistiefeln. In der nach dem ANC zweitgrößten Fraktion, der Democratic Alliance dagegen, herrscht Businesspeople-Garderobe vor. Die National Assembly ist bunt und laut.

Leiser wird es auch während der Debatte nicht. Die Parlamentssprecherin muss ihre geballte Durchsetzungsfähigkeit nutzen, um für „Order in the House zu sorgen“. Buhen, klatschen und unterbrechen gehören offenbar zur Parlamentskultur. Und auch die Redner scheinen fast genüsslich zu provozieren. Zum Beispiel eine DA-Abgeordnete, die in ihrer Rede grundsätzlich von „Jacob Zuma“ redet. Daraufhin kommt aus der ANC-Fraktion die Beschwerde, dass die korrekte Anrede „Mister Jacob Zuma“ oder „the President“ lautet. Trotz mehrerer Zurechtweisungen verzichtet sie weiter auf den Gebrauch von Ehrentitel. Oder die EFF-Abgeordneten, die grundsätzlich Anträge an die Geschäftsordnung nutzen, um politische Statements abzugeben. Die Redezeit überziehen sowieso fast alle Sprecher und verlassen erst das Pult, wenn ihnen das Mikrofon abgedreht wird.

Obendrein ist die Debatte auch inhaltlich ein heftiger Schlagabtausch. Die Opposition betont die Wichtigkeit des Misstrauensvotums im Kampf gegen Korruption und State Capture. An vielen Beispielen wird erklärt, dass Zuma ein Problem ist, weil er in ein Konstrukt aus Lügen verstrickt ist. Unterschiedliche Meinungen dagegen haben DA, EFF und kleinere Oppositionsparteien, ob nur Jacob Zuma das Problem darstellt, oder gleich der ganze ANC. Zumindest ein ANC-Mitglied genießt allerdings große Beliebtheit: Die Parlamentssprecherin Baleka Mbete, die am Vortag beschlossen hat, dass die Abstimmung geheim stattfinden soll. Anders als die Opposition, die die geheime Abstimmung als Chance betrachtet und an die Abgeordneten appelliert, auf ihr Gewissen, statt auf die Fraktionslinie zu hören, äußern sich die ANC-Redner sich kritisch. Die Wähler sollen wissen, wie ihre Abgeordneten gestimmt haben. Und überhaupt: Wer als ANC-Abgeordneter gewählt wurde, wird auch wie einer abstimmen und der Parteilinie folgen. Manche Argumente wirken ein bisschen lustig: Zum Beispiel, dass eine geheime Abstimmung Bestechung Tür und Tor öffnet. Oder dass sich der ANC mit seiner über hundertjährigen Tradition nicht von „Start-ups“ und „Mickey-Mouse-Organizations“ belehren lassen wird. Ein passendes Mandela-Zitat haben beide Seiten für ihre Reden gefunden.

Alles verstanden habe ich wahrscheinlich nicht, nicht nur wegen der Lautstärke, sondern auch, weil einige Redner mittendrin ins Afrikaans, Zulu oder Xhosa gewechselt sind. Für die anderen Abgeordneten kein Problem – mit einem Kopfhörer im Ohr bekommen sie die Rede in ihre Sprache verdolmetscht. Schließlich ist Englisch nur eine von 11 Amtssprachen.

Nach zirka zwei Stunden schließt Parlamentssprecherin Mbete die Debatte und fragt, ob es Einsprüche gegen die Durchführung des Misstrauensvotums gibt. Die ANC-Fraktion ruft geschlossen „YES!“. Dass die Abstimmung schließlich doch stattfindet, liegt an einem Abstimmungsmodus, den ich bisher nur aus dem Zirkus kannte. Mbete bittet alle Befürworter des Misstrauensvotums „No!“  zu rufen, alle Gegner „Eye!“ und beschließt dann, dass die Befürworter lauter waren. Zwar hat Zuma seit er 2009 ins Amt kam schon 6 Misstrauensvoten überstanden, die geheime Abstimmung ist allerdings ein Novum. Folglich gibt es noch einige Fragen zu klären: Muss die Parlamentssprecherin auch abstimmen? Und wie viele Stimmen werden eigentlich gebraucht, um Zuma zu stürzen?

Anschließend werden weiße Abstimmungskabinen aufgestellt, die Abgeordneten werden in alphabetischer Reihenfolge aufgerufen und setzen ihr Kreuzchen. Während der Auszählung der Stimmen, die auf großen Tischen in der Mitte des Sitzungssaals stattfindet, haben die Parlamentarier Pause. Gegen 18:30h wird das Ergebnis verkündet: Von 400 Abgeordneten haben 384  ihre Stimme abgegeben. 177 sprachen sich gegen Zuma als Präsident aus, 198 für ihn. 9 Parlamentarier enthielten sich.

Was bedeutet das nun? An allererster Stelle, dass der Präsident Südafrikas immer noch Jacob Zuma heißt. Das war in gewisser Weise zu erwarten, weil der ANC eine komfortable Mehrheit von 249 von 400 Sitzen hat. Das Ergebnis bedeutet aber auch, dass gut 40 ANC-Abgeordnete nicht für Zuma gestimmt haben. Alle Augen richten sich nun auf den ANC-Parteitag im Dezember. Es ist möglich, dass dort ein parteiinternes Misstrauensvotum abgehalten wird. So könnte Zuma erst als Parteivorsitzenden abgewählt und so der Weg für das Ende seiner Präsidentschaft geebnet werden.

 

Ein Geburtstagsgeschenk für Mandela

In Südafrika muss man selten weit schauen, um auf Nelson Mandela zu stoßen. Meistens reicht schon ein Blick in den Geldbeutel: Sein Porträt ziert die Rückseite jedes Geldscheins. Desweiteren ziert es als Grafitti Hauswände und hängt gerahmt über dem Sofa in meiner WG. Eine von Kapstadts Hauptverkehrsadern heißt Nelson-Mandela-Boulevard und wie viele andere öffentliche Einrichtungen landesweit nach ihm benannt sind, lässt sich wahrscheinlich gar nicht zählen.

Heute vor 99 Jahren wurde Nelson Rolihlahla Mandela im Dörfchen Mvezo in der Transkei geboren. Sein Xhosa-Name heißt so viel wie Unruhestifter, den Namen Nelson bekam er erst, als in die Missionsschule in Qunu kam. Nach dem Tod seines Vaters, der aus einer Nebenlinie des Königshauses der Thembu stammte, wurde Nelson vom Stammesoberhaupt adoptiert. Sowohl die traditionellen Abläufe am Hof der Thembu als auch die britisch geprägte Kultur in den Missionsschulen, die er besuchte, prägten seine Kindheit und Jugend. Mit 21 besuchte er die Universität in Fort Hare und strebte eine Beamtenkarriere an. Als sein Adoptivvater ihn jedoch verheiratenwollte, brannte Mandela nach Johannesburg durch und ließ den Thembu-Hof hinter sich. Einen Studienabschluss in Jura erlangte er durch ein Fernstudium

In Johannesburg wurde Nelson Mandela politisiert. 1944 schloss er sich dem ANC an und gründete wenig später dessen Youth League mit. Zusammen mit seinem Parteikollegen Oliver Tambo gründete er die erste Anwaltskanzlei, die ganz von Schwarzen Südafrikanern geführt wurde – und hauptsächlich Schwarze Klienten vertrat, die wegen Verstößen gegen die Apartheidsgesetze angeklagt waren.

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Nelson Mandelas Wohnhaus in Johannesburg – heute ein Museum

Bis Anfang der 60er-Jahre vertrat der ANC die Position, dass die Apartheid mit friedlichen Mitteln – zivilem Ungehorsam, Streiks und Boykotten – überwunden werden müsse, da das alles nichts half, wurde 1961 der bewaffnete Flügel der Partei, MK, gegründet und Mandela zu seinem Anführer. Bei der Apartheidsregierung machte sich Mandela mit seiner politischen Aktivität natürlich nicht beliebt, schon seit den 1950ern stand er immer wieder vor Gericht, wurde gebannt oder inhaftiert. 1964 wurde er mit 10 Mitangeklagten zu lebenslanger Haft wegen Sabotge und Planung des bewaffneten Kampfes verurteilt.

Es folgten: 27 Jahre im Gefängnis, 18 davon auf Robben Island. In den 1980er-Jahren begann das Apartheidsregime unter den internationalen Sanktionen und den Unruhen im Inland zu bröckeln. Seit 1985 wurden Mandela mehrmals Freilassungsangebote gemacht, unter der Bedingung, dass der ANC dem bewaffneten Kampf abschwöre. Er schlug aus. Auf Gespräche mit dem Apartheidsregime ließ er sich jedoch ein. Seine schärfste Waffe dabei war wohl Verhandlungstaktik und Diplomatie – am 11. Februar 1990 ließ ihn der damalige Präsident de Klerk ohne weitere Bedingungen frei. Die beiden gestalteten im Gespann den demokratischen Umbruch in Südafrika. Die Zeit war turbulent – phasenweise stand Südafrika am Rande eines Bürgerkriegs. Es ist nicht zuletzt Mandelas Überzeugungskraft und moralischem Appell zu verdanken, dass alles eine friedliche Wende nahm. 1993 wurden Mandela und de Klerk gemeinsam mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Die ersten freien Wahlen 1994 bescherten dem ANC einenerdrutschartigen Sieg und Mandela wurde Präsident. Das Land, das er von de Klerk übernahm, war wirtschaftlich wie gesellschaftlich in einem schwierigen Zustand – Mandela setzte sich nach Kräften für Versöhnung ein. Nach einer Amtszeit übergab er an seinen Nachfolger Thabo Mbeki.

Wahrscheinlich lag es an Nelson Mandelas Charisma, an seiner milden Ausstrahlung und der beeindruckenden Fähigkeit, auch denen zu verzeihen, die ihn unterdrückt hatten, dass er auch, als er sich schon lange aus der Politik zurückgezogen hatte, noch als moralisches Gewicht auf die Gesellschaft Südafrikas einwirkte. Mandela, der Landesvater im Batikhemd. Und trotz allem nicht unumstritten: Kritiker werfen ihm sein zu zögerliches Handeln gegen die Ausbreitung des HI-Viruses aus, dass er das Land an Großkapitalisten verkauft habe. Dass vor lauter Versöhnung die Gerechtigkeit zu kurz kam. Und dass er sich zu früh aus der Politik zurückgezogen und so das langfristige Gelingen des demokratischen Umbruchs gefährdet habe. Doch als Tata Madiba, wie er liebevoll genannt wurde, am 5. Dezember 2013 verstarb, trauerte die ganze Rainbow Nation Südafrika.

Heute ist Nelson-Mandela-Day. Dieser ist nicht einmal eine südafrikanische Erfindung, sondern wurde 2009 von der UN-Generalversammlung beschlossen. Er soll einerseits an Mandelas Erbe erinnern und auf der anderen Seite daran, dass jeder einzelne die Welt ein bisschen besser machen kann. Dieser Ansatz hätte Mandela, der stets an die Mitmenschlichkeit appellierte bestimmt gefallen.

Im Prinzip soll der Gedenktag ein weltweites Event sein – ich habe hier zum ersten Mal davon gehört.

„Nelson Mandela has fought for social justice for 67 years. We’re asking you to start with 67 minutes.“

(Nelson Mandela hat 67 Jahre lang für soziale Gerechtigkeit gekämpft. Wir bitten dich, mit 67 Minuten anzufangen)

Mit derartigen Sprüchen wird hier für den Nelson-Mandela-Day geworben. An der Supermarktkasse bat ein großes Poster darum, das Wechselgeld zu spenden und wer heute auf der Titelseite der Cape Times abgedruckt war, lässt sich auch nicht schwer erraten.

Mandela starb im Dezember 2013. Begraben und vergessen? Nicht hier!

 

South African Time

Kapstadt hat den schönen Spitznamen Mother City. Warum das? Natürlich hat das historische Gründe und geht auf die Rolle Kapstadts als erste Siedlung von Europäern in Südafrika zurück. Witzbolde sagen jedoch, es läge daran, dass alles 9 Monate dauert. Schon bevor ich überhaupt in Kapstadt gelandet war, hatte ich darüber gelesen, dass die Uhren hier anders ticken – der berühmte  laid-back lifestyle. Inzwischen kann ich sagen: „Ja, da ist was dran!“

Jeden Monat findet bei AIDC das Climate Jobs Meeting statt. Jeden Monat steht in der Einladung: „Meeting will start promptly at 9:30“. Doch trotz dieses roten und fett gesetzten Schriftzugs habe ich bisher noch kein Meeting erlebt, das Schlag 9:30h begann. Die Gründe dafür sind sicher vielfältig. Viele der Teilnehmer haben weite Wege, Züge und Busse verkehren meistens nicht fahrplankonform, und in der kapstädter Rushhour sind die Straßen so verstopft, dass selbst die Minibustaxis nicht ohne weiteres durchkommen. Häufiger als das wird jedoch als Entschuldigung vorgeschoben: „Hayi man, it´s South African time!“

In den letzten Wochen habe ich einen Xhosa-Sprachkurs gemacht. In einer  Lektion ging es um traditionelle Zeitangaben. Die lesen sich ziemlich poetisch. „Xa kumpondo zakomo“  – Wenn die Hörner des Viehs geradeso zu sehen sind. Oder „Emini maqanda“ – Wenn die Henne ihre Eier legt. Fest steht, dass man weder nach der Sichtbarkeit von Kuhhörnern noch nach den Launen einer Henne die Uhr stellen kann. Schon gar nicht im urbanen Kapstadt.

Mein Kollege Jeff, der lange Zeit in Großbritannien gelebt hat, lästert stets darüber, dass die postkoloniale South African Time nichts anderes ist als Unpünktlichkeit und ein Mangel an Disziplin.

P1040230Tatsächlich waren die Kolonialisten die ersten, die sich um exakte Zeitangaben Sorgen gemacht haben. Schon bevor es Funk und GPS gab, mussten Seeleute die Position ihres Schiffs ermitteln. Der Längengrad wurde dabei aus der Differenz der Ortszeit zur Greenwich Mean Time berechnet. Auf langen Reisen musste das auf londoner Zeit geeichte Chronometer auch mal nachgestellt werden. Ganz dem londoner Vorbild folgend, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts an der Sternwarte ein Zeitball-Turm gebaut. Der Ball wurde die Turmspitze hinaufgezogen – wenn er wieder herunterfiel, war es ein Uhr mittags. So einfach? Nicht ganz! Als der Hafen ausgebaut wurde, war den Seeleuten die Sicht nach Observatory verstellt, deshalb  wurde 1894 in Hafennähe ein weiterer Zeitball installiert.

Dabei gab es schon seit 1806 ein akustisches Zeitsignal – die Noon Gun, die mit einem lauten Kanonenschlag die Mittagszeit kundtat. Bei den Seeleuten erfreute sie sich allerdings keiner großen Beliebtheit. Je nach dem, wo man sich befindet, kann es nämlich sein, dass man den Kanonenschlag überhaupt nicht hört, oder erst mit einigen Sekunden Verspätung, denn für einen Kilometer braucht der Schall ungefähr 3 Sekunden.

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Den Knall kann man ja nicht fotografieren – die Rauchwolke dagegen schon

In Zeiten von Funkuhren sind die alten Signale eigentlich obsolet geworden. Trotzdem wird die Noon Gun wird auch heute noch Schlag 12 Uhr mittags abgefeuert. Täglich außer sonntags erschreckt der laute Knall die Möwen und Touristen an der Waterfront, wo man die Kanone besonders gut hört. Die Noon Gun ist sogar moderner als ich: sie hat einen eigenen Twitter-Account. An sechs Tagen die Woche schickt sie so ein  „BANG!“ in die weite Welt hinaus.

Ich vermute, für Kapstädter hat die legendäre South African Time viel mehr mit Humor zu tun, als mit Zeitgefühl. Auch der Fakt, dass die Noon Gun am Sonntag nicht abgefeuert wird hat einen schönen Witz hervorgebracht: Es wird gesagt, der Kanonenschlag sei der Wecker der Kapstädter – und wer steht am Sonntag schon gerne so „früh“ auf?

 

Jetzt geht’s rund #3

Am 31. März hat Präsident Jacob Zuma sein Kabinett umgebildet und mehr als ein Drittel der Ministerposten umbesetzt – eine umstrittene Maßnahme.

Eine Woche später skandierten zehntausende Südafrikaner auf den Straßen von Kapstadt, Pretoria und anderen Metropolen „Zuma must fall!“.

Unter dem Titel „Jetzt geht´s rund“ habe ich zwei Beiträge darüber geschrieben (#1 und #2). Zumindest oberflächlich haben sich die Wellen in den letzten zwei Monaten geglättet. Der Präsident Südafrikas heißt nach wie vor Jacob Zuma, die demonstrierenden Massen haben sich zerstreut. Trotzdem: in der Zwischenzeit ist einiges passiert. Zeit für eine dritte Folge. „Jetzt geht’s rund #3“ weiterlesen

Master the Disaster

Seit Montag befinde ich mich in einer erklärten Disaster Zone. Das seltsame daran ist, dass sich eigentlich alles anfühlt wie immer. Die Meldung reiht sich recht unauffällig in die stete Folge von Neuigkeiten über Dam Levels, Water Restrictions und zur Rechenschaft gezogene Wasserverschwender ein, mit denen hier ganz regelmäßig über die Dürre berichtet wird. Bei genauerem Hinsehen sind die Fakten allerdings ziemlich alarmierend. „Master the Disaster“ weiterlesen

Geschichtsstunde #1

Zurzeit komme ich in den Genuss einer Kollegiumsfortbildung. 5 Wochen lang lassen wir jeden Donnerstag das Tagesgeschäft ruhen und hören Andrew Nash, einem emeritierten Politikprofessor, zu. Titel des Kurses: „Politische Bewusstseinsbildung von Soweto bis Marikana“. AIDC wäre nicht AIDC, wenn das ganze Programm nicht ausgedehnte Einheiten zum Thema Unterdrückung durch Kapitalisten enthalten würde.

Ganz davon abgesehen ist es für mich eine Weiterbildung in südafrikanischer Geschichte. Gestern, in der zweiten Sitzung, ging es um den Schüleraufstand in Soweto. Was ist da eigentlich passiert? „Geschichtsstunde #1“ weiterlesen