Die letzte Woche im Büro

In der letzten Woche hatte ich nur noch ein Datum im Hinterkopf. Der 19. August, mein Rückflugdatum. Meine Tage im Büro haben sich so angefühlt, als würde ich auf eine wichtige Deadline hinarbeiten. Auf dem Weg dorthin habe ich noch einmal einen immensen Aktionismus an den Tag gelegt.

Vergangene Woche Freitag bin ich mit ehrgeizigen Plänen um 5:30h aus dem Bett gehüpft. Nachdem meine Mitfreiwillige Anna vor 3 Wochen zur Abschiedsfete im Büro eine gigantische Torte gekauft hatte, musste ich mir etwas Gutes für die Kollegen einfallen lassen. Die Idee: Käsespätzle! Der Plan: Früh aufstehen, um die Spätzle vor der Arbeit in die Auflaufform zu bugsieren und in der Mittagspause nur noch in den Ofen stellen zu müssen. Dass es eine Herausforderung werden würde, Käsespätzle für knapp 20 Leute in unserer winzigen und nur mittelprächtig ausgestatteten WG-Küche zu 20170811_091515kochen, war absehbar. Tatsächlich war unser allergrößter Topf gerade so groß genug als Teigschüssel. Was das Prozedere jedoch sehr erschwerte: Ich hatte mir ausgerechnet einen Morgen mit Stromausfall für meine Großaktion ausgesucht. Im Licht meines Handydisplays konnte ich zwar Zwiebeln und Speck schnippeln, Käse reiben und Spätzleteig aus 2kg Mehl zusammenrühren, aber nichts kochen. Knapp drei Stunden später gab es wieder Strom, ich ließ nach und nach die Spätzle zu Wasser, schichtete sie dann in alle in meiner WG und bei den Nachbarn im Vorderhaus vorhandenen Auflaufformen und kam eine gute Stunde zu spät zur Arbeit.

Gegen Mittag flitzte ich die 250 Schritte vom Büro nach Hause zurück, überschmolz die Spätzle im Ofen mit Käse, verpackte sie transporttauglich und schlug den Weg zurück ins Büro ein. Der Name des Gerichts trug maßgeblich zur guten Stimmung bei, denn „Käsespätzle“ auszusprechen ist für englischsprechende Menschen offenbar eine ultimative Herausforderung. Die Spätzle selber lagen offenbar etwas besser auf der Zunge – Zwei Kollegen haben mich sogar nach dem Rezept gefragt.

Obwohl die Spätzle ein reichhaltiges Essen waren, gab  es später noch Schokotorte – von den Kollegen für mich. Dazu noch ein Shirt und einen Rucksack aus mit afrikanischen Mustern bedruckten Stoffen und viele nette Worte. Alles in allem fühlte ich mich schon vermisst, bevor ich überhaupt richtig weg war. Auch ich selber werde meine Kollegen bestimmt vermissen. Auch wenn mir meine Arbeit manchmal auf den Keks ging (immer dann, wenn ich seitenweise Teilnehmerlisten abtippen musste oder in Dienstbesprechungen über Themen, die mich nicht betrafen, fest hing), habe ich das freundliche und lockere Miteinander mit ihnen sehr genossen.

Warum habe ich mich schon am Freitag verabschiedet? Das lag vor allem daran, dass ich meine allerletzte Woche in einem so gut wie leeren Büro verbracht habe. Nahezu alle Kollegen waren in Johannesburg, wo vom 16. bis  18. August das Gipfeltreffen des Southern African People´s Solidarity Network stattfand. AIDC war an der Organisation maßgeblich beteiligt, hatte wichtige Teile der Arbeit aber auf die letzte Minute verschoben. Deswegen habe ich am Montag  und den halben Dienstag lang zusammen mit vier anderen Kollegen 1000 Namensschildchen zugeschnitten, auf Karton geklebt und jeweils auf eine Schnur zum Umhängen gefädelt.

Obwohl ich bei AIDC in den letzten Monaten „nur“ die Freiwillige war, war kopieren nicht meine einzige Aufgabe. Nichtsdestotrotz habe ich mich in der Zeit zur versierten Dompteurin des widerspenstigen Geräts gemausert. Mit der Broschüreneinstellung kann der Drucker sogar  gefalzte und getackerte Heftchen ausspucken – und weil ich einen Überblick über die nötigen Einstellungen habe, durfte ich in der vergangenen Woche Booklets nachdrucken. Einmal aufs Knöpfchen drücken und dann nur noch warten? Schön wär´s! In sehr regelmäßigen Abständen fiept nämlich der Drucker und verlangt nach Papier, Toner oder dem Ausleeren der Dokumentenausgabe. Und bei 100 Booklets a 60 Seiten wird dann auch das Bewachen des Druckers zur tagesfüllenden Aufgabe.

DSC_0226Diese beiden Großaktionen hätten beinahe die Fertigstellung meines eigenen Projekts, eines dritten Stop-Motion-Films über den Klimawandel gefährdet. Zum Glück war mein treuer Sprecher, Sizwe, nicht mit den anderen in Johannesburg und hatte die Muße, den Text für mich einzusprechen. Tatsächlich habe ich die Tonaufnahme und den Schnitt an nur zwei Tagen durchgezogen, für eine englische und xhosasprachige Version. Was mich fast wahnsinnig gemacht hätte, ist, dass der Xhosa-Sprechtext so viel länger dauert als die englische Version. Schon das Wort für Klimawandel, „ukuguqu-guquka kwmozulu“ (mit zwei geschnalzten q) ist im Vergleich zu „Climate Change“ ein Ungetüm. Um die wortreichen Erklärungen auszugleichen, habe ich auch mit den Bildern noch etwas umdisponieren müssen. Donnerstagnachmittag dann konnte ich die Filme dann tatsächlich speichern und auf der Website hochladen, dort sind sie nun verfügbar.

Was für eine Woche! Ein Stromausfall, mehrere Großeinsätze und ungezählte Abschiede. Den Freitag nahm ich mir daraufhin frei, um meinen Koffer packen zu können – in Ruhe.

 

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Speisekarte

 Die Suche nach dem Nationalgericht ist in Südafrika wahrscheinlich noch aussichtsloser als in den meisten anderen Ländern – zu vielfältig sind die Bevölkerungsgruppen. Das macht das Essen umso interessanter. Zeit für einen Ausflug in die Kulinarik…

Zum Frühstück…

Wenn ich an Frühstück denke, fallen mir als allererstes die schier unendlich vielen verschiedenen Varianten von Porridge ein. Natürlich kann man auch ganz profane Haferflocken kaufen, optional gibt es aber auch Instant-Haferporridge in mindestens 8 Geschmacksrichtungen, den man nur noch mit Wasser aufgießen muss. Ungefähr dieselbe Auswahl hat man, wenn man Frühstücksbrei auf Maisbasis kaufen will. Quinoa-Brei gibt es auch noch.

Ein ebenfalls sehr typisches Frühstück ist Umphokoqo. Das ist ein krümelig gekochter Maisbrei, der mit Sauermilch, Amasi, gegessen wird. Maisbrei habe ich mir noch nie selber gekocht, aber Amasi habe ich in den letzten Monaten für mein eigenes Frühstück liebgewonnen: Sie schmeckt nicht viel anders als Naturjoghurt, ist aber deutlich günstiger – und von daher eine gut geeignete Zutat für mein morgendliches Müsli.

Zu den meiner Meinung nach brilliantesten Brotaufstrichen im ganzen Supermarktregal gehört Peanut Butter Double Crunch – Mit Erdnussbutter und Karamellstückchen. Auch wenn ich das Zeug löffeln könnte, gefällt mir auch die Variante Erdnussbutter-Marmeladen-Toast ganz gut. Im Prinzip nichts Neues unter der Sonne – die hiesige Bezeichnung ist aber sehr poetisch: True Love.

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In einer Vetkoek-Braterei in Soweto

„It´s a breakfast thing“, sagte Isaac, mit dem ich in Soweto unterwegs war, über Vetkoeks. Vetkoeks… Im Prinzip handelt es sich dabei um frittierten Weißbrotteig. Tatsächlich stehen die Leute dafür morgens Schlange. Zum Vetkoek dazu gibt es gerne Poloni – Wurst, die wahrscheinlich alles außer Fleisch enthält. Wenn der Vetkoek frisch aus der Fritteuse kommt und noch heiß ist, schmilzt die Poloni auf dem Teig wie Butter. Wer früh um 8 schon ein bis zwei Vetkoeks intus hat, muss auf jeden Fall vor dem Mittagessen einige Bäume ausreißen, um in Form zu bleiben.

Was so´ne Fritte alles kann

Nicht nur Brotteig landet in der Friteuse, auch Kartoffeln bleiben nicht verschont. Das Ergebnis davon hatte für mich Kulturschock-Potential. Wenn ich Pommes bestelle, erwarte ich in der Regel ein Minimum an Knusprigkeit von den frittierten Kartoffeln. Die hiesigen Slapchips sind nämlich genauso schlabberig, wie sich das Wort schon anhört. Und eine wesentliche Zutat für allerlei andere Gerichte. Für Anfänger gibt es Chip Roll, das ist ein Burgerbrötchen gefüllt mit Pommes – Kohlenhydrate, was braucht man mehr?Vielleicht einen Gatsby. Bei Gatsbys wurde das Chip Roll Prinzip auf Baguettegröße ausgedehnt. Dafür liegen dann aber nach Wahl auch noch Salatblätter, Tomaten, kleingeschnittene Würstchen, Hühnerfleisch… auf der Weißbrotunterlage. So ähnlich funktioniert ein Kota. Das ist ein Viertel Toastbrot, aus dem das Innere herausgepult und durch Pommes, Wurst, Ei, Käse und ähnliches ersetzt wurde. Anschließend wird der Brotteig wieder über die Füllung drapiert – fertig!

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Ein Kota

Auf die Würzung kommt es an

20170728_140048.jpgMit dem Kota artverwandt, aber keinesfalls zu verwechseln, sind Bunny Chows. Statt mit Pommes, ist das Toastbrot nämlich in diesem Fall mit Curry gefüllt. Curry schmeckt in Kapstadt – wahrscheinlich liegt das am kapmalaiischen Einschlag – in der Regel sehr gut. Toastbrot ist nicht die einzige kreative Verpackungsmöglichkeit: Wenn das Curry in eine Art Pfannkuchen eingerollt ist, spricht man von Salomi. Erwähnenswert wären auch noch Samoosas. In den dreieckigen und knusprig frittierten Teigtaschen steckt längst nicht nur Curry. Es gibt auch Varianten mit Gemüse- oder Fischfüllung, die aber ebenso gut gewürzt sind.

Nirgendwo sonst gibt es wahrscheinlich Bobotie. Das ist eine Art Hackbraten mit einer cremigen Glasur aus gestockter Eiermilch. Das besondere ist die Würzung: Curry, Kurkuma, Lorbeer, Rosinen… Eine gelungene Mischung aus süß und scharf. Der Ursprung soll in der Küche der Sklaven in der Kapkolonie liegen, die aus billigstem Fleisch etwas leckeres kochen wollten, und dazu auf die Gewürze zurückgriffen, die von den Handelsschiffen so „runterfielen“. Als Beilage gibt es süßen, gelben Reis. Wenn obendrein Bananen gereicht werden, sollte man das als Warnung begreifen: Achtung scharf!

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Braai

„Bist du Vegetarierin?“ hat mich Norma, unsere Rezeptionistin, schon bestimmt 20 Mal gefragt. Und obwohl ich jedes Mal verneinte, wird sie den Verdacht nicht los. Offenbar sehe ich in ihren Augen so aus, als würde ich nicht ordentlich essen. Und eine ordentliche Mahlzeit, das ist Gesetz, enthält Fleisch. Wahrscheinlich erklärt das auch, weshalb Grillen, oder, wie das hier heißt, Braai, Volkssport ist.

Auf dem Rost landen einerseits die besten Stücke von Huhn, Lamm und Rind. Schweinesteaks sind,  soweit ich weiß, eher weniger verbreitet. Ziemlich elitär geht es zu, wenn mit Straußenfleisch oder Wild, wie Kudu und Springbok aufgebraten wird.

Die Township Kultur hat zwei weitere Grillgerichte mit sehr sprechenden Namen hervorgebracht: Gegrillte Hühnerfüße heißen Walkie-Talkie. Wenn ein ganzer Schafskopf auf dem Rost landet, ist von Smiley die Rede. Essbar sind die Bäckchen und das Hirn. Beide Gerichte habe ich nicht probiert.

Auch eine Variante von Bratwurst gibt es. Die Boerewors zeichnet sich durch eine Koriandernote aus und beweist, dass Fett ein guter Geschmacksträger ist. Man kann sie in ein Hotdog-Brötchen eingeklemmt und mit Röstzwiebeln garniert kaufen – eine Boerewors Roll.

Biltong-Latein

Als die Buren nach der Ankunft der britischen Kolonialisten auf den großen Trek aufbrachen, war das mit dem Grillen offenbar nicht so einfach. Sie wussten sich zu helfen: Das Fleisch wurde zur Konservierung getrocknet. Das Ergebnis heißt Biltong. Am weitesten Verbreitet ist Biltong auf Basis von Rind, aber auch Huhn, Strauß und Wild wird getrocknet. Im Supermarkt, in dem ich meistens einkaufe, gibt es eine „Biltong Bar“  Dort kann man am Schalter Biltong für x Rand kaufen und bekommt das Trockenfleisch dann in einer braune Papiertüte verpackt über den Tresen gereicht. Neben verschiedenen Würzungen hat man auch die Auswahl zwischen verschiedenen Vertrocknungsgraden. Chunks haben meistens noch etwas Restfeuchte, Snapsticks dagegen sind völlig trocken und man hat ganz schön an ihnen zu beißen.20170815_075158.jpg

So ähnlich verhält es sich mit Droewors, nur dass es sich hierbei um vertrocknete Würstchen handelt. Sie sehen ungefähr aus wie fingerdicke Wurzeln und sind ungefähr ebenso hart, geschmacklich aber nicht zu verachten.

Big Moma´s Kitchen

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Pap, Chicken Stew und Chakalaka

So heißt der Imbiss, zu dem ich manchmal in der Mittagspause gehe. Einerseits um die Xhosa-Gespräche der Köchinnen zu belauschen, andererseits schmeckt auch das Essen, das als African beworben wird, sehr lecker. Was gibt es? In der Regel Stew mit Huhn, Lamm oder Rind. Der Knochen wird mit serviert. Es ist üblich, das Knochenmark auszuzutscheln. Freitag  gibt es Innereien, eine Art Kutteln vermute ich, aber da habe ich mich bisher noch nicht dran getraut. Interessanter sind sowieso die Beilagen. Am besten schmeckt mir Samp&Beans, Umgqusho. Das sind Maiskörner und Bohnen, gekocht mit Zwiebeln und scharfen Gewürzen. Nahezu völlig geschmacksneutral ist dagegen Pap. Der steife Maisgrießbrei wird in einem großen Klumpen aufgetischt. Traditionell bröckelt man davon mit den Fingern Stückchen ab, die dann in die Soße getaucht werden. Mein Lieblingsgemüse ist Chakalaka.  Das sind fein geschnittene Paprika und Zwiebeln und Bohnen in einer dicken Tomatensoße. Erneut gilt: Achtung spicy! Wer es milder mag, kann Creamy Spinach bestellen. Creamy ist in diesem Fall sehr wörtlich zu nehmen. Es handelt sich quasi um Blattspinat in Sahnesoße.

Süße Kleinigkeiten

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Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll! Zu meinen Lieblingen gehört auf jeden Fall Melktart. Das ist so ungefähr die hiesige Variante von Käsekuchen. Die puddingartige Milchcreme sitzt in einem Tortelett aus Mürbteig und ist großzügig mit Zimt bestreut. Melktart gibt es in jedem Supermarkt und in wahrscheinlich allen Durchmessern von 5 bis 25 cm.

Als nächstes fallen mir Koeksisters ein. Wobei sich hinter diesem Begriff eigentlich zwei völlig verschiedene Dinge verbergen. Einerseits gibt es kapmalaiische Koeksisters. Das sind ungefähr handtellergroße Krapfen, die wenn sie aus der Friteuse kommen in Sirup und Kokosraspeln gewälzt werden. Was sie ausmacht, ist aber der Geschmack nach Zimt und Kardamom und Gott weiß was für anderen Gewürze, die dem Teig eine besondere Note geben. Andererseits gibt es kapholländische Koeksisters.  Die bestehen aus zwei ineinander verdrehten Teigsträngen, die ebenfalls frittiert und dann in Sirup gebadet werden. Das hat zur Folge, dass man die Dinger nicht essen kann ohne klebrige Finger zu bekommen und ein klebriges Gefühl im Mund. Dafür bildet aber der Sirup auf dem Teig eine Art Kruste und macht die Koeksisters knusprig.

Nicht nur knusprig, sondern hart sind Rusks. Es handelt sich dabei so ungefähr um das Äquivalent zu Zwieback. Erfreulich finde ich aber, dass es viele verschieden Geschmacksrichtungen gibt. Von Kondensmilch- über Müsli-Rusks bis zu Kreationen wie Schoko-Kirsch oder Blaubeer-Mohn ist fast alles zu haben. Wenn man die Rusks dann zum aufweichen in den Tee taucht, sorgt das, finde ich, für eine sehr gemütliche Atmosphäre.

Date Balls, Madeira Loaf, Lamingtons, Hertzoggies, eine gigantische Auswahl Donuts… Für Leute mit süßem Zahn gibt es auf jeden Fall viel zu probieren.

Zu Trinken

Kein Bürotag ohne Rooibos-Tee. Rooibos ist eine Fynbos-Pflanze und wächst am Kap sogar wild. Ander als in Deutschland, wo man im Café oft sehr spezifisch nach Rooibostee fragen muss, ist es hier der totale Normalfall. Das Rooibosteefieber hat noch ein Getränk hervorgebracht, das ich sehr zu schätzen gelernt habe: Cappuccino Red. Das ist ein Cappuccino auf Teebasis – und ich muss sagen, dass ich den Kaffee dabei nicht vermisse.

Was gerade in der Kapregion ebenfalls gut wächst, ist Wein. Die Weinberge rund um Stellenbosch und Franshoek liefern die Trauben für den einen oder anderen guten Tropfen. Mein Spezialgebiet ist das aber nicht. Wenn es an alkoholische Getränke geht, halte ich mich meistens an Cider fest. Savannah und Hunters sind die gängigen Labels und fast so weit verbreitet wie Bier.

Falls der Alkoholkonsum mal ausgeartet sein sollte, empfehlen meine Mitbewohner Stoney Gingerbeer gegen den Kater. Auch wenn Stoney das Beer  im Namen trägt, handelt es sich um ein ganz alkoholfreies Erfrischungsgetränk. Es schmeckt so ähnlich wie Schweppes Ginger Ale, nur unendlich viel süßer. Ob es wirklich gegen Kater hilft, kann ich nicht beurteilen. Tatsächlich scheint es aber unter allen Cool Drinks ein Favorit zu sein. Und das will etwas heißen, denn zuckerige Erfrischungsgetränke gibt es in allen erdenklichen Geschmacksrichtungen (süß, süßer, noch süßer) und Farben (braun, gelb, orange, knallorange, grün, rot…). Absurderweise kostet eine 2l-Flasche – das ist keine unübliche Verpackungsgröße – oft weniger als die gleiche Menge Wasser.

 

Diese Liste – und sie erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit – ist, denke ich, eine gute Illustration, wie schwierig „südafrikanische“ Küche zu definieren ist. Selbst wenn es kein Nationalgericht gibt, dann doch einen kulinarischen gemeinsamen Nenner. So weit ich das beurteilen kann, lässt sich der in folgenden Regeln zusammenfassen:

  • Eine Mahlzeit ohne Fleisch ist eine verlorene Mahlzeit
  • Der Grill darf niemals kalt werden
  • Das gleiche gilt für die Friteuse
  • Wenn schon süß, dann so richtig

 

Guten Appetit!

 

Little Germany

Es gibt ungeheuer viele Deutsche in Kapstadt. Mir ist völlig klar, dass ich selber ein Stückchen zu diesem Phänomen beitrage. Trotzdem ist es immer wieder erstaunlich, wo ich überall auf Landsleute treffe.

Schon als ich vor einem dreiviertel Jahr auf einer Halloween-Kostümfete war und eine Münze aufhob, die die Hexe, die in der Schlange vor mir stand, fallen gelassen hatte, drehte sie sich um und sagte „Danke!“. Wir kamen ins Gespräch und sie erzählte, dass sie nach dem Abitur für ein Praktikum nach Kapstadt gekommen wäre, sich dann in die Stadt verliebte und zum Studieren hier hängen blieb. Und dass sie auch nach drei Jahren Bachelorstudium noch gar nicht wieder nachhause wolle.

Oder der Moment, als ich bei der Wasserkonferenz ein hochoffizielles Namensschild verpasst bekam, und daraufhin von einem älteren Herrn darauf angesprochen wurde, dass sich mein Name aber Deutsch anhört. Es stellte sich heraus, dass er vor 80 Jahren als kleines Kind mit seiner Familie vor der Judenverfolgung nach Namibia geflohen war. Später verschlug es ihn über mehrere Stationen nach Kapstadt, nur in Deutschland war er nie mehr und auch seine Kinder und Enkel sind Südafrikaner – mit deutschen Wurzeln.

Wie viele deutsche Rentner dagegen erst in hohem Alter nach Südafrika kommen, kann ich gar nicht schätzen. Was sie bestimmt zu schätzen wissen, ist das schöne Wetter, die gute Gesundheitsversorgung für Leute mit dem nötigen Kleingeld für eine Krankenversicherung und natürlich die Schönheit Kapstadts. Probleme, ein Visum zu bekommen, haben sie in der Regel nicht, da sie nicht mehr im Verdacht stehen, Südafrikanern den Job wegzunehmen. Arbeitnehmer aus dem Ausland müssen aus diesem Grund erst langwierig beweisen, dass es keinen Südafrikaner gibt, der ihren Job machen könnte. Man trifft sie trotzdem. Der Guide neulich in der Sternwarte beispielsweise, der im Rahmen eines Fachkräfteaustauschs eine IT-Firma nach Kapstadt gekommen war– und statt 3 Monate nun schon 10 Jahre geblieben ist.

Ungefähr ebenso erstaunt war ich über das vielfältige Angebot an deutschen Produkten. Ich habe im vergangenen Jahr mehrere Brezel-Quellen entdeckt. Zentis-Marzipanbrote und Rittersport-Schokolade gibt es sogar an der Supermarktkasse bei Spar um die Ecke (Da allerdings eine Tafel Schokolade umgerechnet 3€ kostet, habe ich noch nie davon Gebrauch gemacht und mich lieber an hier produziertem Naschkram gehalten.) Wem das nicht reicht, der kann auch beim deutschen Bäcker oder Metzger einkaufen, oder bei Frandale Imports, wo es wirklich alles gibt, was der heimische Markenwald so hergibt. Mit einer deutschen Buchhandlung ist auch für Lesefutter in der Muttersprache gesorgt. Es reicht aber, wie ich festgestellt habe, auch, die Secondhandbuchkiste am Busbahnhof zu durchwühlen.IMG_20161221_164631

P1040131Ein weiteres Stück Deutschland misst ungefähr 1m x 2,50m und steht am Rande der Fußgängerzone: Ein Stück Berliner Mauer!  Die Mauer sieht in diesen Abmessungen – nur hoch und nicht lang – wenig einschüchternd aus, jedoch erläutert ein Schild auf die Geschichte der Deutschen Teilung. Viel interessanter fand ich jedoch den Hinweis darauf, wie das Mauerstück nach Kapstadt kam. Es wurde Nelson Mandela zum Geschenk gemacht, als er 1996 auf Staatsbesuch in Berlin war. So ganz unter friedlichen Revolutionären quasi.

Falls sich ein Südafrikanischer Würdenträge einmal revanchieren möchte, hätte ich schon einige Ideen:

  • Ein paar Quadratmeter Fynbos to take away. Es macht sich bestimmt gut, die Proteen als Strauch statt als Blumenstrauß zu verschenken. Ich bin mir sicher, der Botanische Garten Berlin würde sich freuen. Und wenn nicht, wäre auch auf dem Tempelhofer Feld noch Platz. Natürlich wirkt Fynbos nirgendwo so gut, wie in der natürlichen Umgebung, aber ich bezweifle, dass hier irgendjemand den Tafelberg verschenken will. Schade eigentlich!
  • Ein Imitat des South-Easters für Stuttgart. Die stete Brise wirkt Wunder gegen schlechte Stadtluft. Kapstadt schwört schon längst auf diese Methode!

Gut, Handgepäcksmaße haben all diese Geschenke nicht, aber das kann man von dem Stück Mauer ja auch nicht gerade sagen. Falls der Privatjet doch kein verkappter Schwerlasttransporter ist, hätte ich noch die folgende Idee:

  • Die diplomatische Vermittlung der südafrikanischen Regelung, Feiertage, die auf einen Sonntag fallen, am Montag nachzuholen. Dass fände ich sympathisch, ein Geschenk für gestresste Arbeitnehmer!

Seit Samstag gibt es in Kapstadt (mindestens) eine Deutsche weniger. Meine Mitfreiwillige Anna ist zurück nachhause geflogen. Ich selber habe noch einen Endspurt von drei Wochen vor mir. Eine Aufgabe in dieser Zeit wird werde, unsere Nachfolgerin einzuarbeiten, die heute Abend hier aufschlägt.

Winter

Die am meisten zitierte kapstädter Bauernregel lautet „Vier Jahreszeiten an einem Tag“. In der vergangenen Woche war allerdings ziemlich eindeutig und konstant Winter. Der Wind hat sich gedreht – und das ist an dieser Stelle keine Metapher. Anstatt des stetigen South-Easters kommt der Wind seit letzter Woche von Nordwesten. Der Wintersturm letzte Woche Mittwoch hat es ja sogar in die deutschen Nachrichten geschafft.

Für einen Tag lag in Kapstadt das öffentliche Leben weitgehend lahm. Die Schulen blieben geschlossen, viele Arbeitnehmer durften ebenfalls einen Tag lang zuhause bleiben. Das war durchaus gerechtfertigt. Der Sturm wehte mit einer solchen Kraft, dass Bäume umknickten wie Streichhölzer und Hausdächer von festen Häusern wegflogen. Bei meinem letzten Besuch im Long Street Pool sind mir selbst im Dach der Schwimmhalle große Löcher ins Auge gefallen.

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Während des Sturms: Zerzauster Baum und peitschender Regen

Die große Katastrophe ist definitiv nicht in Kapstadt eingetreten, sondern weiter im Osten, entlang der Garden Route. Dort sind wegen des Sturms Buschfeuer außer Kontrolle geraten. Die anhaltenden Windböen erschwerten das Löschen derart, dass sich die Flammen durch ganze Viertel von Ferienorten wie Knysna fraßen. Mit verheerenden Folgen, wie man hier sehen kann.

Wenigstens regnet es seit dem Sturm wieder, was alle sehr freut. Und das nicht zu knapp. In der vergangenen Woche habe ich nicht einmal der Tafelberg und den Devil´s Peak gesehen, so tief hingen die Wolken, aus denen es konstant mehr oder weniger heftig vor sich hin nieselte und regnete. Trotzdem sind die Füllstände der Wasserspeicher in der vergangenen Woche nur um 1,6% angestiegen. Das völlig ausgedörrte Erdreich hat das Regenwasser aufgesaugt wie ein Schwamm, sodass es gar nicht in den Staudämmen ankam. Soll es also mal schön weiter regnen, oder?

Auf manche Special Effects könnte ich jedoch auch verzichten. Dadurch, dass ich seit letzter Woche so mehr oder weniger in einer Wolke lebe, fühlt sich jede Fläche in der WG irgendwie klamm an, sogar auf dem Treppengeländer schlägt sich ein feiner Wasserfilm nieder. Leider versuche ich auch schon seit Sonntag vergeblich, meine Klamotten trocken zu bekommen. Auch nach dreieinhalb Tagen auf dem Wäscheständer war die Hose, in die ich heute Morgen mit leichtem Schaudern gestiegen bin, noch klamm. Seitdem ist mir klar, dass die Wolke, die mich umgibt, nicht Wolke 7 sein kann. Unendlich viel unangenehmer muss die derzeitige Wetterlage jedoch für alle sein, die in einer Wellblechhütte oder ganz ohne Dach über dem Kopf leben. Insofern ist klamme Kleidung doch ein First-World-Problem.

Die sehr mitteleuropäische Gleichung Winter=kalt gilt auch in Kapstadt, wenn auch auf etwas andere Art. In der vergangenen Woche hatte es mehr oder weniger konstant 13°C. Draußen und drinnen.  Isolierung, Zentralheizung und dergleichen gibt es nämlich nirgendwo. Die meiste Zeit des Jahres kommt man ja schließlich auch ohne aus. Für die paar Wochen Winter dagegen haben die Kapstädter das Frösteln perfektioniert. Meine Kollegen sitzen zurzeit in Fleecedecke, Wintermantel, Fellmütze oder Steppweste im Büro und auch ich habe meinen Schal ausgegraben. An der Wand hängen zwei sogenannte Panel Heaters, die mäßig viel Wärme abstrahlen, dafür aber so viel Strom ziehen, dass schon ein paar Mal die Sicherung geflogen ist. Andere Leute stellen sich ordinäre Heizlüfter oder heizpilzartige Gasöfen in die Zimmer, die auch nicht wesentlich mehr helfen. Meine persönliche Strategie gegen Gänsehaut ist schlicht und einfach Bewegung. Am liebsten nach wie vor Schwimmen im Long Street Pool – Das Wasser dort ist nämlich beheizt.

20170615_132327Meine Mitfreiwillige meinte neulich „Ich komme so langsam in Weihnachtsstimmung.“ Witzigerweise sind viele Supermärkte wirklich gerade festlichem Grün und Gold dekoriert. Statt Sterne hängen allerdings Halbmonde von der Decke, denn es ist Ramadan. Zumindest im muslimisch geprägten Observatory spielt das eine Rolle. Auf den Angebotsflächen stehen allerlei Zutaten für muslimische Fastenspeisen, die zum Teil auch zu meiner deutsch geprägten Winterstimmung passen. Ich habe mir zum Beispiel eine Fertigmischung für Boeber gekauft, das ist eine Art dünnflüssiger Milchpudding mit Zimtgeschmack, den ich mir heute Abend kochen will. Fürs erste habe ich diese Woche das Glas Apfel-Zimt-Marmelade geöffnet, das mir meine Eltern im März mitgebracht haben.

Nachbemerkung: Gerade komme ich von einem Mittagspausenspaziergang zurück – im Sonnenschein! Heute früh hätte ich darauf noch nichts verwetten wollen. So zeigt sich wieder: „Vier Jahreszeiten, ein Tag.“

Master the Disaster

Seit Montag befinde ich mich in einer erklärten Disaster Zone. Das seltsame daran ist, dass sich eigentlich alles anfühlt wie immer. Die Meldung reiht sich recht unauffällig in die stete Folge von Neuigkeiten über Dam Levels, Water Restrictions und zur Rechenschaft gezogene Wasserverschwender ein, mit denen hier ganz regelmäßig über die Dürre berichtet wird. Bei genauerem Hinsehen sind die Fakten allerdings ziemlich alarmierend. „Master the Disaster“ weiterlesen

Wie gewonnen, so zeronnen

Seit ich in Südafrika bin, habe ich mich zur regelmäßigen Hobbyschwimmerin gemausert. Offiziell arbeite ich 9 to 5, die meiste Zeit davon am Schreibtisch. Es ist nicht so, dass ich nicht stillsitzen kann, aber nach einem langen Tag im Büro brauche ich zum Ausgleich Bewegung. Der Weg zum Supermarkt und zurück reicht mir da nicht. „Wie gewonnen, so zeronnen“ weiterlesen

Nebenberuf: Verkehrsmitteltesterin

Am einfachsten kommt man in Kapstadt sicherlich mit einem eigenen Auto von A nach B. Ich habe keins und meistens finde ich das auch in Ordnung so. Um zu dieser Einsicht zu kommen, habe ich mich in den letzten drei Monaten viele Varianten von öffentlichem Nahverkehr ausprobiert. Die Lage ist unübersichtlich. Immerhin so viel Licht habe ich schon ins Dunkel gebracht: „Nebenberuf: Verkehrsmitteltesterin“ weiterlesen