King Kong – überhaupt nicht affig

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Der Gedanke, meinen letzten Abend in Kapstadt damit zu verbringen, auf meinen gepackten Koffer zu starren, sagte mir gar nicht zu. Deshalb habe ich mir am Freitag recht kurzentschlossen noch einmal eine Theaterkarte gekauft und bin für meinen Abschlussabend in einem der plüschigen Sessel des Fugard Theatres versunken. Wie ich auf die Idee gekommen bin? Am Anfang stand die Empfehlung eines Kollegen, der mich auf die Neuinszenierung des Musicals King Kong hinwies und darauf, dass das Stück Kult sei.  

 

 

Die Originalinszenierung von 1959 sahen allein in Südafrika 200 000 Zuschauer – gespielt wurde das Stück vor rassegemischtem Publikum, ein kleiner Skandal damals. 1961 zog das Musical ins Londoner West End und erfreute dort auch europäisches Publikum. Dazu trugen mit Sicherheit auch die mitreißenden Jazzstücke von Todd Matshikiza bei. Die erklingen auch in der Neuinszenierung, das Textbuch von Pat Willams wurde dagegen ergänzt und vorsichtig modernisiert.

Mein Blick gleitet über die noch leere Bühne. Nur ganz oben hinten in der Kulisse, nur schemenhaft durch ein rostbraunes Stück Streckmetall zu erkennen, hat bereits die Musical-Band platzgenommen. Rostbraun ist auch der Rest des Bühnenbilds und Wellblech ist ein nicht unwesentlicher Bestandteil. Die Atmosphäre erinnert an eine Mischung aus Containerhafen und Wellblechsiedlung. Zumindest letztere Assoziation ist gewollt.

Die ersten Darsteller, die die Bühne betreten, sind vier Jungs in Schuluniformen, die herumblödeln und einen Ball  hin und her kicken und letztlich fangen zwei von ihnen beinahe eine Rauferei an. Doch dann tritt Popcorn auf, Barbier und Geschichtenerzähler, der die Streithähne trennt. Er zückt nur einmal sein Rasiermesser, schon spritzen die Jungs auseinander. Dabei war das gar nicht als Drohung gemeint. „This Razor shaved the King´s beard“, erklärt Popcorn und beginnt den Jungen die Geschichte des Boxers King Kong zu erzählen. Dazu nimmt er sie und das ganze Publikum mit in das Sophiatown der 1950er-Jahre. Das Interesse der Schuljungen ist sofort geweckt, denn einer von ihnen träumt von einer Karriere als Boxer. Auch ich als Zuschauerin konnte mich Popcorns Erzählung nicht entziehen.

Sophiatown, das war ein eher armes, aber lebhaftes Viertel von Johannesburg, in dem die Menschen trotz Apartheid „farbenblind“ zusammenlebten. Sophiatown, das war Heimat von Künstlern, von Jazz, von Gangstern. Wellblech gab es sicher auch genug. Das reale Vorbild der Figur King Kong war der Schwergewichtsboxer Ezekiel Dlamini. Auch er bewegte sich in diesem Umfeld. Den Spitznamen King Kong bekam er wegen seiner ungeheuren physischen Stärke. Man nannte ihn auch ehrfürchtig „The King“.

Spot on! „King Kong right on top man / King Kong never can fall /King Kong nothing can stop him /That´s me! I´m him! King Kong!” jazzt es durch den Saal. King Kong betritt im mit zwei großen K bestickten Seidenmorgenmantel die Bühne, auf der aus dicken Tauen ein Boxring aufgebaut wurde. Der Boxkampf selber findet ungeheuer spannungsvoll in Zeitlupe statt. Natürlich geht King Kong als Champion aus dem Ring.

Die nächste Szene ist als Pressekonferenz inszeniert. Und an dieser Stelle wird das Musical etwas politisch. Der frischgebackene Boxchampion äußert, dass er nach London will, um dort ein Botschafter des schwarzen Sports zu werden. Im Apartheidsstaat durfte er offiziell nur gegen andere schwarze Boxer antreten.

Was wäre ein Musical ohne einen romantischen Handlungsstrang? Ratzbatz wird die Bühne zu einer illegalen Kneipe, der Shebeen “Back of the Moon” umgebaut. Besucher schwingen ihr Tanzbein und die Shebeen Queen Joyce tritt dort im engen Glitzerkleid als Sängerin auf. Die Rolle der Joyce ist keine einfache, nicht nur weil das Gesangsstück „Back of the Moon“ ein weites Spektrum Tonhöhen umfasst, sondern auch, weil die Fußstapfen denkbar groß sind. In der originalen Inszenierung von 1959 spielte Miriam Makeba diese Rolle und begann damit ihre internationale Karriere. Die jetzige Darstellerin Nondumiso Tembe ficht das nicht an. Im Interview las ich, dass sie, weil ihre Stimme ganz anders ist als die von Miriam Makeba, deren Interpretation nur als Inspirationsquell, nicht als Kopiervorlage nutzte – und sich so gewissermaßen emanzipierte. In diese Shebeen kommt King Kong kommt als Special Guest, um seinen Erfolg zu feiern. Und er verfällt Joyce. Das wiederum findet der Gangster Lucky nicht so gut, der, zusammen mit seinen Komplizen, King Kong auflauert. Die drei Ganoven fuchteln gefährlich mit ihren Messern, schon der leicht irre Blick des Lucky-Darstellers Sanda Shandu vermittelt aber den Eindruck, dass mit den drei Herren in Nadelstreifenhosen und Westen nicht gut Kirschen essen ist. Am Ende eines spektakulären Bühnenkampfs geht jedoch ein Gangster zu Boden, nicht King Kong, der sich mit Fäusten zu wehren weiß.

Ab diesem Punkt wird die Handlung ziemlich tragisch. King Kong wird verhaftet und verbringt einige Zeit hinter Gittern. Als er wieder freikommt, hat sein Boxtrainer Jack ihn fallen lassen. Schlimmer noch: Es finden sich keine würdigen Gegner mehr. Letztlich ist es Gangster Lucky, der einen Kampf für King Kong einfädelt. Der Gegner ist allerdings ein Mittelgewichtsboxer – Schwergewicht King Kong ist in seinem Stolz gekränkt. Umso mehr, nachdem er in Runde 3 k.o. geschlagen wurde. Auch in der Liebe hat er kein Glück. Als King Kong verhaftet wurde, war Joyce am Boden zerstört. Nun sieht er sie aber mit Lucky. Das bringt King Kong so zur Weißglut, dass er sie aus Eifersucht ersticht. Noch mit Blut auf dem Hemd steht er vor Gericht und wird zu lebenslanger Haft verurteilt. King Kong selber wollte für sich die Todesstrafe. Doch das Gerichtsurteil bringt ihn von der Entscheidung, sterben zu wollen, nicht ab: Im Gefängnis begeht er Selbstmord. Während der King Kong Darsteller Andile Gumbi im ersten Akt den stolzen Kraftprotz geben durfte, beweist er nun, dass ihm auch der gebrochene Mann ganz gut liegt.

Zum Glück gibt es in diesem Jammertal von zweitem Akt Popcorn, der nicht nur die Erzählerrolle übernimmt, sondern auch den komödiantischen Part abdeckt. Und er bekommt seine eigene Liebesgeschichte. Von Anfang an schwärmt er für Petal, die ihn zunächst keines Blickes würdigt, weil sie die Augen nicht von King Kong wenden kann. Ihm wiederum ist sie egal – Joyces verruchte Art interessiert King Kong mehr als das brave Mädchen Petal. In einem sehr stimmungsvollen Lied singt Petal dann jedoch, dass die Zeit des Wartens vorbei ist und macht daraufhin Popcorn einen Heiratsantrag. Die Hochzeit auf der Bühne ist dann sogar eine doppelte: Auch der Boxtrainer Jack hat den Heiratsantrag seiner Mirjam angenommen. Für ordentliches Lachmuskeltraining sorgt in dieser Szene der slapstickmäßig gestresste Pfarrer, der nach einer absolut nicht unchaotischen Turbotrauung schnellstmöglich davon rauscht. 

Als der Vorhang fällt, gibt es Standing Ovations. Auch wenn ich nach vier Theaterbesuchen das Gefühl habe, dass sich südafrikanisches Publikum schnell dazu hinreißen lässt, muss ich sagen, dass ich es in diesem Fall für gerechtfertigt halte. Musikalisch, tänzerisch und schauspielerisch haben alle Beteiligten eine hochkarätige Aufführung abgeliefert.

 

 

 

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