Speisekarte

 Die Suche nach dem Nationalgericht ist in Südafrika wahrscheinlich noch aussichtsloser als in den meisten anderen Ländern – zu vielfältig sind die Bevölkerungsgruppen. Das macht das Essen umso interessanter. Zeit für einen Ausflug in die Kulinarik…

Zum Frühstück…

Wenn ich an Frühstück denke, fallen mir als allererstes die schier unendlich vielen verschiedenen Varianten von Porridge ein. Natürlich kann man auch ganz profane Haferflocken kaufen, optional gibt es aber auch Instant-Haferporridge in mindestens 8 Geschmacksrichtungen, den man nur noch mit Wasser aufgießen muss. Ungefähr dieselbe Auswahl hat man, wenn man Frühstücksbrei auf Maisbasis kaufen will. Quinoa-Brei gibt es auch noch.

Ein ebenfalls sehr typisches Frühstück ist Umphokoqo. Das ist ein krümelig gekochter Maisbrei, der mit Sauermilch, Amasi, gegessen wird. Maisbrei habe ich mir noch nie selber gekocht, aber Amasi habe ich in den letzten Monaten für mein eigenes Frühstück liebgewonnen: Sie schmeckt nicht viel anders als Naturjoghurt, ist aber deutlich günstiger – und von daher eine gut geeignete Zutat für mein morgendliches Müsli.

Zu den meiner Meinung nach brilliantesten Brotaufstrichen im ganzen Supermarktregal gehört Peanut Butter Double Crunch – Mit Erdnussbutter und Karamellstückchen. Auch wenn ich das Zeug löffeln könnte, gefällt mir auch die Variante Erdnussbutter-Marmeladen-Toast ganz gut. Im Prinzip nichts Neues unter der Sonne – die hiesige Bezeichnung ist aber sehr poetisch: True Love.

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In einer Vetkoek-Braterei in Soweto

„It´s a breakfast thing“, sagte Isaac, mit dem ich in Soweto unterwegs war, über Vetkoeks. Vetkoeks… Im Prinzip handelt es sich dabei um frittierten Weißbrotteig. Tatsächlich stehen die Leute dafür morgens Schlange. Zum Vetkoek dazu gibt es gerne Poloni – Wurst, die wahrscheinlich alles außer Fleisch enthält. Wenn der Vetkoek frisch aus der Fritteuse kommt und noch heiß ist, schmilzt die Poloni auf dem Teig wie Butter. Wer früh um 8 schon ein bis zwei Vetkoeks intus hat, muss auf jeden Fall vor dem Mittagessen einige Bäume ausreißen, um in Form zu bleiben.

Was so´ne Fritte alles kann

Nicht nur Brotteig landet in der Friteuse, auch Kartoffeln bleiben nicht verschont. Das Ergebnis davon hatte für mich Kulturschock-Potential. Wenn ich Pommes bestelle, erwarte ich in der Regel ein Minimum an Knusprigkeit von den frittierten Kartoffeln. Die hiesigen Slapchips sind nämlich genauso schlabberig, wie sich das Wort schon anhört. Und eine wesentliche Zutat für allerlei andere Gerichte. Für Anfänger gibt es Chip Roll, das ist ein Burgerbrötchen gefüllt mit Pommes – Kohlenhydrate, was braucht man mehr?Vielleicht einen Gatsby. Bei Gatsbys wurde das Chip Roll Prinzip auf Baguettegröße ausgedehnt. Dafür liegen dann aber nach Wahl auch noch Salatblätter, Tomaten, kleingeschnittene Würstchen, Hühnerfleisch… auf der Weißbrotunterlage. So ähnlich funktioniert ein Kota. Das ist ein Viertel Toastbrot, aus dem das Innere herausgepult und durch Pommes, Wurst, Ei, Käse und ähnliches ersetzt wurde. Anschließend wird der Brotteig wieder über die Füllung drapiert – fertig!

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Ein Kota

Auf die Würzung kommt es an

20170728_140048.jpgMit dem Kota artverwandt, aber keinesfalls zu verwechseln, sind Bunny Chows. Statt mit Pommes, ist das Toastbrot nämlich in diesem Fall mit Curry gefüllt. Curry schmeckt in Kapstadt – wahrscheinlich liegt das am kapmalaiischen Einschlag – in der Regel sehr gut. Toastbrot ist nicht die einzige kreative Verpackungsmöglichkeit: Wenn das Curry in eine Art Pfannkuchen eingerollt ist, spricht man von Salomi. Erwähnenswert wären auch noch Samoosas. In den dreieckigen und knusprig frittierten Teigtaschen steckt längst nicht nur Curry. Es gibt auch Varianten mit Gemüse- oder Fischfüllung, die aber ebenso gut gewürzt sind.

Nirgendwo sonst gibt es wahrscheinlich Bobotie. Das ist eine Art Hackbraten mit einer cremigen Glasur aus gestockter Eiermilch. Das besondere ist die Würzung: Curry, Kurkuma, Lorbeer, Rosinen… Eine gelungene Mischung aus süß und scharf. Der Ursprung soll in der Küche der Sklaven in der Kapkolonie liegen, die aus billigstem Fleisch etwas leckeres kochen wollten, und dazu auf die Gewürze zurückgriffen, die von den Handelsschiffen so „runterfielen“. Als Beilage gibt es süßen, gelben Reis. Wenn obendrein Bananen gereicht werden, sollte man das als Warnung begreifen: Achtung scharf!

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Braai

„Bist du Vegetarierin?“ hat mich Norma, unsere Rezeptionistin, schon bestimmt 20 Mal gefragt. Und obwohl ich jedes Mal verneinte, wird sie den Verdacht nicht los. Offenbar sehe ich in ihren Augen so aus, als würde ich nicht ordentlich essen. Und eine ordentliche Mahlzeit, das ist Gesetz, enthält Fleisch. Wahrscheinlich erklärt das auch, weshalb Grillen, oder, wie das hier heißt, Braai, Volkssport ist.

Auf dem Rost landen einerseits die besten Stücke von Huhn, Lamm und Rind. Schweinesteaks sind,  soweit ich weiß, eher weniger verbreitet. Ziemlich elitär geht es zu, wenn mit Straußenfleisch oder Wild, wie Kudu und Springbok aufgebraten wird.

Die Township Kultur hat zwei weitere Grillgerichte mit sehr sprechenden Namen hervorgebracht: Gegrillte Hühnerfüße heißen Walkie-Talkie. Wenn ein ganzer Schafskopf auf dem Rost landet, ist von Smiley die Rede. Essbar sind die Bäckchen und das Hirn. Beide Gerichte habe ich nicht probiert.

Auch eine Variante von Bratwurst gibt es. Die Boerewors zeichnet sich durch eine Koriandernote aus und beweist, dass Fett ein guter Geschmacksträger ist. Man kann sie in ein Hotdog-Brötchen eingeklemmt und mit Röstzwiebeln garniert kaufen – eine Boerewors Roll.

Biltong-Latein

Als die Buren nach der Ankunft der britischen Kolonialisten auf den großen Trek aufbrachen, war das mit dem Grillen offenbar nicht so einfach. Sie wussten sich zu helfen: Das Fleisch wurde zur Konservierung getrocknet. Das Ergebnis heißt Biltong. Am weitesten Verbreitet ist Biltong auf Basis von Rind, aber auch Huhn, Strauß und Wild wird getrocknet. Im Supermarkt, in dem ich meistens einkaufe, gibt es eine „Biltong Bar“  Dort kann man am Schalter Biltong für x Rand kaufen und bekommt das Trockenfleisch dann in einer braune Papiertüte verpackt über den Tresen gereicht. Neben verschiedenen Würzungen hat man auch die Auswahl zwischen verschiedenen Vertrocknungsgraden. Chunks haben meistens noch etwas Restfeuchte, Snapsticks dagegen sind völlig trocken und man hat ganz schön an ihnen zu beißen.20170815_075158.jpg

So ähnlich verhält es sich mit Droewors, nur dass es sich hierbei um vertrocknete Würstchen handelt. Sie sehen ungefähr aus wie fingerdicke Wurzeln und sind ungefähr ebenso hart, geschmacklich aber nicht zu verachten.

Big Moma´s Kitchen

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Pap, Chicken Stew und Chakalaka

So heißt der Imbiss, zu dem ich manchmal in der Mittagspause gehe. Einerseits um die Xhosa-Gespräche der Köchinnen zu belauschen, andererseits schmeckt auch das Essen, das als African beworben wird, sehr lecker. Was gibt es? In der Regel Stew mit Huhn, Lamm oder Rind. Der Knochen wird mit serviert. Es ist üblich, das Knochenmark auszuzutscheln. Freitag  gibt es Innereien, eine Art Kutteln vermute ich, aber da habe ich mich bisher noch nicht dran getraut. Interessanter sind sowieso die Beilagen. Am besten schmeckt mir Samp&Beans, Umgqusho. Das sind Maiskörner und Bohnen, gekocht mit Zwiebeln und scharfen Gewürzen. Nahezu völlig geschmacksneutral ist dagegen Pap. Der steife Maisgrießbrei wird in einem großen Klumpen aufgetischt. Traditionell bröckelt man davon mit den Fingern Stückchen ab, die dann in die Soße getaucht werden. Mein Lieblingsgemüse ist Chakalaka.  Das sind fein geschnittene Paprika und Zwiebeln und Bohnen in einer dicken Tomatensoße. Erneut gilt: Achtung spicy! Wer es milder mag, kann Creamy Spinach bestellen. Creamy ist in diesem Fall sehr wörtlich zu nehmen. Es handelt sich quasi um Blattspinat in Sahnesoße.

Süße Kleinigkeiten

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Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll! Zu meinen Lieblingen gehört auf jeden Fall Melktart. Das ist so ungefähr die hiesige Variante von Käsekuchen. Die puddingartige Milchcreme sitzt in einem Tortelett aus Mürbteig und ist großzügig mit Zimt bestreut. Melktart gibt es in jedem Supermarkt und in wahrscheinlich allen Durchmessern von 5 bis 25 cm.

Als nächstes fallen mir Koeksisters ein. Wobei sich hinter diesem Begriff eigentlich zwei völlig verschiedene Dinge verbergen. Einerseits gibt es kapmalaiische Koeksisters. Das sind ungefähr handtellergroße Krapfen, die wenn sie aus der Friteuse kommen in Sirup und Kokosraspeln gewälzt werden. Was sie ausmacht, ist aber der Geschmack nach Zimt und Kardamom und Gott weiß was für anderen Gewürze, die dem Teig eine besondere Note geben. Andererseits gibt es kapholländische Koeksisters.  Die bestehen aus zwei ineinander verdrehten Teigsträngen, die ebenfalls frittiert und dann in Sirup gebadet werden. Das hat zur Folge, dass man die Dinger nicht essen kann ohne klebrige Finger zu bekommen und ein klebriges Gefühl im Mund. Dafür bildet aber der Sirup auf dem Teig eine Art Kruste und macht die Koeksisters knusprig.

Nicht nur knusprig, sondern hart sind Rusks. Es handelt sich dabei so ungefähr um das Äquivalent zu Zwieback. Erfreulich finde ich aber, dass es viele verschieden Geschmacksrichtungen gibt. Von Kondensmilch- über Müsli-Rusks bis zu Kreationen wie Schoko-Kirsch oder Blaubeer-Mohn ist fast alles zu haben. Wenn man die Rusks dann zum aufweichen in den Tee taucht, sorgt das, finde ich, für eine sehr gemütliche Atmosphäre.

Date Balls, Madeira Loaf, Lamingtons, Hertzoggies, eine gigantische Auswahl Donuts… Für Leute mit süßem Zahn gibt es auf jeden Fall viel zu probieren.

Zu Trinken

Kein Bürotag ohne Rooibos-Tee. Rooibos ist eine Fynbos-Pflanze und wächst am Kap sogar wild. Ander als in Deutschland, wo man im Café oft sehr spezifisch nach Rooibostee fragen muss, ist es hier der totale Normalfall. Das Rooibosteefieber hat noch ein Getränk hervorgebracht, das ich sehr zu schätzen gelernt habe: Cappuccino Red. Das ist ein Cappuccino auf Teebasis – und ich muss sagen, dass ich den Kaffee dabei nicht vermisse.

Was gerade in der Kapregion ebenfalls gut wächst, ist Wein. Die Weinberge rund um Stellenbosch und Franshoek liefern die Trauben für den einen oder anderen guten Tropfen. Mein Spezialgebiet ist das aber nicht. Wenn es an alkoholische Getränke geht, halte ich mich meistens an Cider fest. Savannah und Hunters sind die gängigen Labels und fast so weit verbreitet wie Bier.

Falls der Alkoholkonsum mal ausgeartet sein sollte, empfehlen meine Mitbewohner Stoney Gingerbeer gegen den Kater. Auch wenn Stoney das Beer  im Namen trägt, handelt es sich um ein ganz alkoholfreies Erfrischungsgetränk. Es schmeckt so ähnlich wie Schweppes Ginger Ale, nur unendlich viel süßer. Ob es wirklich gegen Kater hilft, kann ich nicht beurteilen. Tatsächlich scheint es aber unter allen Cool Drinks ein Favorit zu sein. Und das will etwas heißen, denn zuckerige Erfrischungsgetränke gibt es in allen erdenklichen Geschmacksrichtungen (süß, süßer, noch süßer) und Farben (braun, gelb, orange, knallorange, grün, rot…). Absurderweise kostet eine 2l-Flasche – das ist keine unübliche Verpackungsgröße – oft weniger als die gleiche Menge Wasser.

 

Diese Liste – und sie erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit – ist, denke ich, eine gute Illustration, wie schwierig „südafrikanische“ Küche zu definieren ist. Selbst wenn es kein Nationalgericht gibt, dann doch einen kulinarischen gemeinsamen Nenner. So weit ich das beurteilen kann, lässt sich der in folgenden Regeln zusammenfassen:

  • Eine Mahlzeit ohne Fleisch ist eine verlorene Mahlzeit
  • Der Grill darf niemals kalt werden
  • Das gleiche gilt für die Friteuse
  • Wenn schon süß, dann so richtig

 

Guten Appetit!

 

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