Alte Wunden, neue Hoffnung

DSCN0264„Nie-Blankes/Non-Whites“ steht über dem Eingang durch den ich gehe. Den „Blankes/Whites“-Eingang lasse ich links liegen. Dabei  bin ich genauso blass wie immer. Den Unterschied macht ein kleiner Zettel in meiner Hand, der mich als nicht-weiß klassifiziert. Der Zettel ist nicht mein Pass, sondern meine Eintrittskarte zum Apartheidsmuseum.  Die akribische und im Gesetz verankerte Trennung nach weiß und nicht-weiß war in Südafrika viel zu lange Gang und Gäbe – hier dienen die separaten Eingänge zum Glück nur der Einstimmung auf die Ausstellung über die Hintergründe und die Entwicklung der Apartheid.

Apartheid…eigentlich ist das ein ganz harmloses Wort aus dem Afrikaansen und bedeutet so viel wie Trennung. Die Idee, die Menschen nach „Rassen“ zu trennen, ist mindestens so alt wie der Staat Südafrika selber. Nachdem 1948 jedoch die National Party an die Macht gekommen war, wurde Rassentrennung  jedoch zur Leitschnur der Gesetzgebung gemacht. Die ganze Bevölkerung wurde klassifiziert, dann wurde dem nicht-weißen Anteil, der großen Mehrheit, systematisch die Rechte genommen. Internationaler Druck und Proteste im Inland führten dazu, dass in den 1980ern einige diskriminierende Gesetze zurückgenommen wurden, der damalige Präsident, P.W. Botha wollte jedoch nicht völlig von der Rassentrennung absehen. Erst sein Nachfolger, F.W. de Klerk leitete einen tiefschürfenden Wandel ein. Im Zuge dessen fanden Verhandlungen mit der Führungsriege des ANC und anderer Widerstandsorganisationen statt. Bekanntester Kopf aus dieser Zeit ist sicherlich Nelson Mandela, der 1990 nach 27 Jahren als politischer Häftling freigelassen, und 1994 zum ersten frei gewählten Präsidenten des Landes wurde.

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Ein Eindruck von Soweto

Wenn es um die Folgen der Apartheid geht, ist Johannesburg das reinste Freilichtmuseum. Die getrennten Wohnviertel haben sich bis in die heutige Zeit gehalten. Im Norden der Stadt Einfamilienhäuser hinter hohen Gartenmauern oder in Gated Communities, dazu gigantische Shoppingmalls. Die Bevölkerung ist überwiegend Weiß. Auf der anderen Seite der Stadt sieht man lange Reihen von Flachen grauen „Matchbox Houses“  – Soweto. Das Akronym wird seit 1963 zur Benennung der South Western Townships benutzt. Heute ist Soweto fast schon eine Stadt in der Stadt und keineswegs gleichzusetzen mit einem Slum. Trotzdem: Die Bevölkerung ist nach wie vor überwiegend Schwarz.

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Gänzlich entkernter Ghost Tower

Zwischen beidem liegt die Innenstadt, die trotzdem kaum als Mischungszone fungiert. Die beeindruckende Ansammlung an Hochhäusern war in den 1960ern und 1970ern ein blühendes Wohn- und Geschäftsviertel. Allerdings wegen der  Group Areas Act nur für Weiße. Schwarze durften sich dort nur aufhalten, wenn sie eine Genehmigung vorweisen konnten. Im politischen Wirrwarr der späten 1980er-Jahre wurden Verstöße jedoch kaum noch geahndet und spätestens seit dem Fall der Apartheid siedelten sich immer mehr arme Schwarze dort an. Ihre etablierten Nachbarn und die Firmen flohen vor der neuen Situation in die nördlichen Vororte. Im Viertel Sandton bildete sich ein neues Geschäftszentrum. Von dem alten Glanz ist in Johannesburgs Central Business District heute nicht mehr viel übrig. Viele der Hochhäuser stehen leer und sind dem Verfall preisgegeben. Wie faule Zähne überschatten die sogenannten Ghost Towers die Straßenschluchten. Einige wurden in der Vergangenheit besetzt, die Eigentümer ziehen sich aus der Verantwortung. In der Geisterstadt fühlten sich  Gangs, Kleinkriminelle und dergleichen ausgesprochen wohl. Vor 10 oder 15 Jahren galt die Innenstadt als absolute No-Go-Zone. Kein Gebiet, in dem Sowetans neben Bewohnern der nördlichen Vororte ihren Sonntagsspaziergang machen.

So schlimm es heute nicht mehr. Mit flächendeckender Kameraüberwachung wurde die Sicherheit enorm verbessert. Straßenecke für Straßenecke wird die Innenstadt wiederbelebt. Zum Beispiel unser Backpacker Hostel. Ich hatte den Fehler gemacht, mir kurz vor der Anreise  auf Google Streetview das Haus anzugucken: Man sieht eine Ruine. Für eine Planänderung war es schon zu spät und tatsächlich war die Realität auch nicht so schockierend wie die Fotoaufnahme. Inzwischen ist das Haus saniert und vor einem Vierteljahr eröffnete das Hostel. Vieles ist trotz des laufenden Betriebs noch im Aufbau, was zu interessanten Überraschungen wie Stromausfall und überfluteten Badezimmern führte. Ich bin mir sicher, dass das Hostel sich positiv auf die nähere Umgebung auswirkt. Während unserer Zeit dort eröffnete an derselben Straßenecke ein Coffee Shop und auch der Corner Shop ein paar Meter weiter macht sicher ein gutes Geschäft mit den Hostelgästen, die sich dort mit Toast und Erdnussbutter eindecken.

Wahrscheinlich liegen das alte und das neue Südafrika nirgendwo näher zusammen als auf dem Constitution Hill. Der Komplex am nördlichen Rand der Innenstadt hat eine  gut 90 Jahre lange Geschichte als Gefängnis. Eröffnet wurde die Anlage 1893, um die Zucht und Ordnung in der jungen Stadt zu gewährleisten. Im Laufe der Zeit sahen viele namhafte Apartheidsgegner die Zellen von innen. Nelson Mandela, Oliver Tambo, Albertina Sisulu um nur einige zu nennen. Überfüllte Zellen, Folter, Isolationshaft und entwürdigende Behandlungen standen auf der Tagesordnung. Es waren die katastrophalen hygienischen Verhältnisse, die 1982 den Grund zur Schließung des Gefängnisses gaben. Nur einen Steinwurf entfernt steht heute das Verfassungsgericht. Auf den ersten Blick wirkt der Neubau fremd zwischen den alten Gefängnisgebäuden. Aber nur auf den ersten. Tatsächlich verbindet das Bauwerk aber gekonnt alt und neu. So dienen zum Beispiel Ziegel des abgerissenen Untersuchungshaft-Trakts als Wandverkleidung des Gerichtssaals, ein stehengelassenes Treppenhaus ist sogar ganz in das Gerichtgebäude integriert. Von dort aus wird die Verfassung verteidigt, die den Grundpfeiler des neuen Südafrikas bildet.

So sehr wie ich den Eingang des Apartheidsmuseums beklemmend fand, so sehr machte mich der Eingang des Constitutional Courts optimistisch. Die hohen Holztüren sind mit den 27 Rechten, die die South African Bill of Rights festschreibt, verziert. Und die gelten für alle, egal ob Weiß oder eben nicht.

 

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