Hafengeschichten

Die Titelseite der Cape Times verkündete kürzlich stolz, dass Kapstadt in einem Reisezielranking zur “Best City in Africa and the Middle East” gewählt wurde. An manchen Ecken ist die Stadt tatsächlich sehr touristisch. Jedes Mal, wenn ich in der Long Street oder an der Uferpromenade die Ohren aufsperre, höre ich Sprachen, die über das übliche English-Xhosa-Afrikaans-Gemenge hinausgehen. Dass auch die meistbesuchte Touristenattraktion Afrikas in Kapstadt liegt, wundert mich daher wenig. Die Überraschung ist jedoch: Es handelte sich weder um den Tafelberg, noch um Robben Island. Nein, die V&A-Waterfront räumt den Titel ab.

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Für Shoppingqueens und -Kings

Unternehmen kann man dort vor allem eines: Shoppen gehen! Neben unzähligen Souvenirgeschäften gibt es eine schicke Shoppingmall, in der es fast alles gibt, und einen ebenso schicken Food Market mit Spezialitäten aus aller Welt. Ich kenne einige Locals, die nie im Leben an der Waterfront ihre Einkäufe erledigen würden. Viel zu touristisch, viel zu überteuert. Umgekehrt sieht man auch immer wieder mal bierernste Kulturtouristen, die das Shoppingparadies links liegen lassen und nur auf dem Weg zur Robben-Island-Fähre rasch durchqueren.

Dabei hat das Areal selbst auch eine interessante Geschichte. Um die zu erkunden, kann man sich mit einem Rundgang aus nummerierten Texttafeln selbst auf den Weg machen. Ich habe das vor einigen Wochen ausprobiert und habe mich gefühlt wie auf Schnitzeljagd, denn es ist gar nicht so einfach, die jeweils nächste Infotafel zu finden. Manche waren so gut versteckt, dass ich das Suchen aufgegeben habe. Dann doch lieber eine der von mir hochgeschätzten , die gibt es an der Waterfront nämlich auch.

Die Tour führt auf direktem Weg ins alte Kapstadt. Quasi seit der Landung der ersten Europäer hier, spielte das Fleckchen Land an der Tafelbucht, das mal Kapstadt werden wollte, eine enorm große Rolle in der Schifffahrt, vor allem als Versorgungsstation. Von daher ist es ziemlich erstaunlich, dass es gut 200 Jahre dauerte, bis die ersten festen Schiffsanleger gebaut wurden. Vorher ankerten die Schiffe schlicht und einfach in der Bucht und nicht wenige wurden während der rauen Winterstürme losgerissen und weggetrieben. In den 1850ern wollte deswegen keiner mehr Schiffe versichern, die Kapstadt anliefen. Das gab den Ausschlag, einen Hafen zu bauen – auf dem Gelände der heutigen V&A-Waterfront.

Kapstadt stand damals unter der Herrschaft der britischen Krone. Trotzdem steht V&A an der Waterfront nicht für Victoria und Albert. Alle Ehre wird hier ihrem Sohn Alfred zu Teil, der 1860 die erste Ladung Steinbrocken in die Tafelbucht kippte. Viele, viele Ladungen folgten, bis ein Wellenbrecher von beeindruckenden Ausmaßen gebaut war. Wer schleppte all die Steine? Die Sklaverei wurde am Kap schon 1834 abgeschafft, deshalb mussten Häftlinge die harte Arbeit verrichten. Noch heute thront das Gefängnisgebäude über dem Hafen. Es beherbergt aber keine Häftlinge mehr, sondern ein Hotel und die Graduate School of Business.

P1040241Damals war der Hafen sicherlich auf dem allerneuesten Stand. Es gab zwei Hafenbecken – ebenfalls nach Victoria und Alfred benannt – und das erste Trockendock im südlichen Afrika. Das Büro des Hafenkapitäns verfügte über eine Art frühes CCTV-System: Mit Spiegeln konnte er in alle Richtungen den Hafen überblicken. Damit man auch bei Nacht arbeiten konnte, wurde schon 1882 elektrisches Licht genutzt. Der Rest der Stadt wurde erst 13 Jahre später elektrifiziert.

100 Jahre später sah es für den Hafen deutlich weniger rosig aus. Wegen der Handelsboykotte gegen das Apartheidsregime lagen große Hafenflächen brach. In den 1990ern wurde daraufhin investiert und saniert, was das Zeug hielt – erfolgreich. Läden, Restaurants, Büros und Hotels siedelten sich an und das schrammelige Hafenviertel wurde zum schicken Freizeitkomplex.

Trotz allem ist die Waterfront auch heute noch ein im Betrieb stehender Hafen. Nicht nur die Robben-Island-Fähre legt dort an, sondern auch Kreuzfahrt- und Frachtschiffe. Sogar das 135 Jahre alte Trockendock wird noch genutzt. Nur der Hafenkapitän hat sein Büro heute nicht mehr im verschnörkelten, viktorianischen Clock Tower. Aus funktionalen Gründen wird heute von einem – in der Tat auch sehr funktional aussehenden – Kontrollturm an der Hafeneinfahrt aus der Hafen verwaltet.

 

Vor sechs Wochen habe ich den historischen Waterfront-Rundgang gemacht. Am letzten Wochenende hat es mich wieder einmal dorthin verschlagen, aus ganz touristischen Gründen: Ich war auf der Suche nach einer schönen Postkarte. So im Vorbeigehen habe ich aber auch interessiert nachgeschaut, ob vielleicht ein Schiff auf Trockendock liegt… Denn die Waterfront ist eben nicht nur Touristentrubel.

 

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Ein Geburtstagsgeschenk für Mandela

In Südafrika muss man selten weit schauen, um auf Nelson Mandela zu stoßen. Meistens reicht schon ein Blick in den Geldbeutel: Sein Porträt ziert die Rückseite jedes Geldscheins. Desweiteren ziert es als Grafitti Hauswände und hängt gerahmt über dem Sofa in meiner WG. Eine von Kapstadts Hauptverkehrsadern heißt Nelson-Mandela-Boulevard und wie viele andere öffentliche Einrichtungen landesweit nach ihm benannt sind, lässt sich wahrscheinlich gar nicht zählen.

Heute vor 99 Jahren wurde Nelson Rolihlahla Mandela im Dörfchen Mvezo in der Transkei geboren. Sein Xhosa-Name heißt so viel wie Unruhestifter, den Namen Nelson bekam er erst, als in die Missionsschule in Qunu kam. Nach dem Tod seines Vaters, der aus einer Nebenlinie des Königshauses der Thembu stammte, wurde Nelson vom Stammesoberhaupt adoptiert. Sowohl die traditionellen Abläufe am Hof der Thembu als auch die britisch geprägte Kultur in den Missionsschulen, die er besuchte, prägten seine Kindheit und Jugend. Mit 21 besuchte er die Universität in Fort Hare und strebte eine Beamtenkarriere an. Als sein Adoptivvater ihn jedoch verheiratenwollte, brannte Mandela nach Johannesburg durch und ließ den Thembu-Hof hinter sich. Einen Studienabschluss in Jura erlangte er durch ein Fernstudium

In Johannesburg wurde Nelson Mandela politisiert. 1944 schloss er sich dem ANC an und gründete wenig später dessen Youth League mit. Zusammen mit seinem Parteikollegen Oliver Tambo gründete er die erste Anwaltskanzlei, die ganz von Schwarzen Südafrikanern geführt wurde – und hauptsächlich Schwarze Klienten vertrat, die wegen Verstößen gegen die Apartheidsgesetze angeklagt waren.

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Nelson Mandelas Wohnhaus in Johannesburg – heute ein Museum

Bis Anfang der 60er-Jahre vertrat der ANC die Position, dass die Apartheid mit friedlichen Mitteln – zivilem Ungehorsam, Streiks und Boykotten – überwunden werden müsse, da das alles nichts half, wurde 1961 der bewaffnete Flügel der Partei, MK, gegründet und Mandela zu seinem Anführer. Bei der Apartheidsregierung machte sich Mandela mit seiner politischen Aktivität natürlich nicht beliebt, schon seit den 1950ern stand er immer wieder vor Gericht, wurde gebannt oder inhaftiert. 1964 wurde er mit 10 Mitangeklagten zu lebenslanger Haft wegen Sabotge und Planung des bewaffneten Kampfes verurteilt.

Es folgten: 27 Jahre im Gefängnis, 18 davon auf Robben Island. In den 1980er-Jahren begann das Apartheidsregime unter den internationalen Sanktionen und den Unruhen im Inland zu bröckeln. Seit 1985 wurden Mandela mehrmals Freilassungsangebote gemacht, unter der Bedingung, dass der ANC dem bewaffneten Kampf abschwöre. Er schlug aus. Auf Gespräche mit dem Apartheidsregime ließ er sich jedoch ein. Seine schärfste Waffe dabei war wohl Verhandlungstaktik und Diplomatie – am 11. Februar 1990 ließ ihn der damalige Präsident de Klerk ohne weitere Bedingungen frei. Die beiden gestalteten im Gespann den demokratischen Umbruch in Südafrika. Die Zeit war turbulent – phasenweise stand Südafrika am Rande eines Bürgerkriegs. Es ist nicht zuletzt Mandelas Überzeugungskraft und moralischem Appell zu verdanken, dass alles eine friedliche Wende nahm. 1993 wurden Mandela und de Klerk gemeinsam mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Die ersten freien Wahlen 1994 bescherten dem ANC einenerdrutschartigen Sieg und Mandela wurde Präsident. Das Land, das er von de Klerk übernahm, war wirtschaftlich wie gesellschaftlich in einem schwierigen Zustand – Mandela setzte sich nach Kräften für Versöhnung ein. Nach einer Amtszeit übergab er an seinen Nachfolger Thabo Mbeki.

Wahrscheinlich lag es an Nelson Mandelas Charisma, an seiner milden Ausstrahlung und der beeindruckenden Fähigkeit, auch denen zu verzeihen, die ihn unterdrückt hatten, dass er auch, als er sich schon lange aus der Politik zurückgezogen hatte, noch als moralisches Gewicht auf die Gesellschaft Südafrikas einwirkte. Mandela, der Landesvater im Batikhemd. Und trotz allem nicht unumstritten: Kritiker werfen ihm sein zu zögerliches Handeln gegen die Ausbreitung des HI-Viruses aus, dass er das Land an Großkapitalisten verkauft habe. Dass vor lauter Versöhnung die Gerechtigkeit zu kurz kam. Und dass er sich zu früh aus der Politik zurückgezogen und so das langfristige Gelingen des demokratischen Umbruchs gefährdet habe. Doch als Tata Madiba, wie er liebevoll genannt wurde, am 5. Dezember 2013 verstarb, trauerte die ganze Rainbow Nation Südafrika.

Heute ist Nelson-Mandela-Day. Dieser ist nicht einmal eine südafrikanische Erfindung, sondern wurde 2009 von der UN-Generalversammlung beschlossen. Er soll einerseits an Mandelas Erbe erinnern und auf der anderen Seite daran, dass jeder einzelne die Welt ein bisschen besser machen kann. Dieser Ansatz hätte Mandela, der stets an die Mitmenschlichkeit appellierte bestimmt gefallen.

Im Prinzip soll der Gedenktag ein weltweites Event sein – ich habe hier zum ersten Mal davon gehört.

„Nelson Mandela has fought for social justice for 67 years. We’re asking you to start with 67 minutes.“

(Nelson Mandela hat 67 Jahre lang für soziale Gerechtigkeit gekämpft. Wir bitten dich, mit 67 Minuten anzufangen)

Mit derartigen Sprüchen wird hier für den Nelson-Mandela-Day geworben. An der Supermarktkasse bat ein großes Poster darum, das Wechselgeld zu spenden und wer heute auf der Titelseite der Cape Times abgedruckt war, lässt sich auch nicht schwer erraten.

Mandela starb im Dezember 2013. Begraben und vergessen? Nicht hier!

 

Urlaub in Johannesburg

…gehört zu den Dingen, die Kapstädter genauso wie deutsche Reiseführerautoren für eine Schnapsidee halten. Ich habe mich trotzdem darauf eingelassen. Zusammen mit einem Freund habe ich 6 Tage in Johannesburg verbracht.

Schön ist die Stadt nicht. Statt Tafelbergpanorama und Meerblick bekommt man in Johannesburg graue Hochhäuser und am Horizont aufragende Bergbauabraumhalden zu sehen.

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Johannesburg von der Aussichtsplattform des Carlton Centres: Das schönste ist der Regenbogen

Ein guter Urlaub war es trotzdem. Das hat viele Gründe. Genug Stoff für ein ganzes Johannesburg-Paket, das ich hier in den kommenden Tagen veröffentlichen werde.

 

 

Einige Bilder von Schauplätzen des Schüleraufstands in Soweto 1976 gibt es hier zu sehen: Fotoalbum: Soweto Uprising

Von Johannesburgs Gründung und Geschichte als Goldgräberstadt handelt der Post Glanz und Grubenwasser

Weil Johannesburg geschichtlich wirklich sehr interessant ist, habe ich gleich noch einen Beitrag mit historischem Blickwinkel geschrieben: Alte Wunden, neue Hoffnung