South African Time

Kapstadt hat den schönen Spitznamen Mother City. Warum das? Natürlich hat das historische Gründe und geht auf die Rolle Kapstadts als erste Siedlung von Europäern in Südafrika zurück. Witzbolde sagen jedoch, es läge daran, dass alles 9 Monate dauert. Schon bevor ich überhaupt in Kapstadt gelandet war, hatte ich darüber gelesen, dass die Uhren hier anders ticken – der berühmte  laid-back lifestyle. Inzwischen kann ich sagen: „Ja, da ist was dran!“

Jeden Monat findet bei AIDC das Climate Jobs Meeting statt. Jeden Monat steht in der Einladung: „Meeting will start promptly at 9:30“. Doch trotz dieses roten und fett gesetzten Schriftzugs habe ich bisher noch kein Meeting erlebt, das Schlag 9:30h begann. Die Gründe dafür sind sicher vielfältig. Viele der Teilnehmer haben weite Wege, Züge und Busse verkehren meistens nicht fahrplankonform, und in der kapstädter Rushhour sind die Straßen so verstopft, dass selbst die Minibustaxis nicht ohne weiteres durchkommen. Häufiger als das wird jedoch als Entschuldigung vorgeschoben: „Hayi man, it´s South African time!“

In den letzten Wochen habe ich einen Xhosa-Sprachkurs gemacht. In einer  Lektion ging es um traditionelle Zeitangaben. Die lesen sich ziemlich poetisch. „Xa kumpondo zakomo“  – Wenn die Hörner des Viehs geradeso zu sehen sind. Oder „Emini maqanda“ – Wenn die Henne ihre Eier legt. Fest steht, dass man weder nach der Sichtbarkeit von Kuhhörnern noch nach den Launen einer Henne die Uhr stellen kann. Schon gar nicht im urbanen Kapstadt.

Mein Kollege Jeff, der lange Zeit in Großbritannien gelebt hat, lästert stets darüber, dass die postkoloniale South African Time nichts anderes ist als Unpünktlichkeit und ein Mangel an Disziplin.

P1040230Tatsächlich waren die Kolonialisten die ersten, die sich um exakte Zeitangaben Sorgen gemacht haben. Schon bevor es Funk und GPS gab, mussten Seeleute die Position ihres Schiffs ermitteln. Der Längengrad wurde dabei aus der Differenz der Ortszeit zur Greenwich Mean Time berechnet. Auf langen Reisen musste das auf londoner Zeit geeichte Chronometer auch mal nachgestellt werden. Ganz dem londoner Vorbild folgend, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts an der Sternwarte ein Zeitball-Turm gebaut. Der Ball wurde die Turmspitze hinaufgezogen – wenn er wieder herunterfiel, war es ein Uhr mittags. So einfach? Nicht ganz! Als der Hafen ausgebaut wurde, war den Seeleuten die Sicht nach Observatory verstellt, deshalb  wurde 1894 in Hafennähe ein weiterer Zeitball installiert.

Dabei gab es schon seit 1806 ein akustisches Zeitsignal – die Noon Gun, die mit einem lauten Kanonenschlag die Mittagszeit kundtat. Bei den Seeleuten erfreute sie sich allerdings keiner großen Beliebtheit. Je nach dem, wo man sich befindet, kann es nämlich sein, dass man den Kanonenschlag überhaupt nicht hört, oder erst mit einigen Sekunden Verspätung, denn für einen Kilometer braucht der Schall ungefähr 3 Sekunden.

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Den Knall kann man ja nicht fotografieren – die Rauchwolke dagegen schon

In Zeiten von Funkuhren sind die alten Signale eigentlich obsolet geworden. Trotzdem wird die Noon Gun wird auch heute noch Schlag 12 Uhr mittags abgefeuert. Täglich außer sonntags erschreckt der laute Knall die Möwen und Touristen an der Waterfront, wo man die Kanone besonders gut hört. Die Noon Gun ist sogar moderner als ich: sie hat einen eigenen Twitter-Account. An sechs Tagen die Woche schickt sie so ein  „BANG!“ in die weite Welt hinaus.

Ich vermute, für Kapstädter hat die legendäre South African Time viel mehr mit Humor zu tun, als mit Zeitgefühl. Auch der Fakt, dass die Noon Gun am Sonntag nicht abgefeuert wird hat einen schönen Witz hervorgebracht: Es wird gesagt, der Kanonenschlag sei der Wecker der Kapstädter – und wer steht am Sonntag schon gerne so „früh“ auf?

 

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Sternzeit

Das Viertel, in dem ich wohne, heißt Observatory. Und das hat auch einen Grund: Namensgebend ist die Sternwarte am Ufer des Liesbeek Rivers, das South African Astronomical Observatory.

In den 1820ern wurde auf dem sumpfigen Land am Fluss das Observatorium gebaut, in erster Linie um Sternenkarten für die Navigation auf hoher See zu erstellen. Auch die zweite Aufgabe hat ganz direkt mit der Seefahrt zu tun: Von der Sternwarte aus wurden Zeitsignale gegeben, nach denen die im Hafen liegenden Schiffe ihre Chronometer stellen konnten.

Die Sternwarte kann auch einen Superlativ für sich verbuchen: Es handelt sich um die erste permanente astronomische Forschungseinrichtung auf der Südhalbkugel. Die Forschung, die hier betrieben wurde, ging tatsächlich weit über die Kartierung des Nachthimmels hinaus. Der Gründer und erste Direktor der Sternwarte, Fearon Fallows, legte nicht nur den Grundstein für die Sternwarte, sondern auch in Sachen Sternenkatalogisierung. Der zweite Direktor, Thomas Henderson, war der angeblich der erste, der Messungen zur Distanz eines Sterns von der Erde anstellte. Weil er seinen Messwerten nicht traute, veröffentlichte er jedoch nichts dazu, weshalb die Messmethode heute einem deutschen Astronomen namens Bessel zugschrieben wird. Der dritte Direktor hieß McLear und begnügte sich nicht mit der Kartierung des Sternenhimmels. Er gilt obendrein als Vater der modernen Landvermessung. Und so setzt sich die Reihe fort.

Am Samstag hatte ich selber Gelegenheit zum Sterne gucken.  Zweimal im Monat veranstaltet die Sternwarte eine Nacht der offenen Tür. Nach der Führung durch die Sternwarte konnten wir Besucher selber durch die Fernrohre schauen. Zu sehen gab es zum Beispiel den Jupiter und vier seiner Monde. Und den Saturn, von dem man sogar die Ringe sah. Und das Kreuz des Südens finde ich nun auch am Nachthimmel.

 

 

Die leistungsstarken optischen Teleskope für die Wissenschaftler stehen heute jedoch nicht mehr hier, sondern  in der Nähe von Sutherland in der Karoo, weil es dort dunkler ist, als zwischen Kapstadts Straßenlaternen. Zum Beispiel das Southern African Large Telescope, SALT, das größte optische Teleskop der Südhalbkugel.

Ebenfalls zum Programm bei der Nacht der offenen Tür gehörte ein Fachvortrag, der ein ganz anderes Gebiet der Astronomie beleuchtete. In der Radioastronomie geht es gar nicht ums Sternengucken, stattdessen werden mit riesigen Satellitenschüsseln Radiowellen aus dem All aufgefangen. Mit dieser Methode kann man dunkler Materie, dunkler Energie, schwarzen Löchern und kosmischem Magnetismus nachspüren oder sogar nach extraterrestrischem Leben fahnden. Auch in Sachen Radioastronomie ist Südafrika obenauf. Mit dem schon existierenden MeerKAT Teleskop wird fleißig an der Entwicklung der ersten Galaxien geforscht. Südafrika eignet sich als Standort gut, weil es relativ wenige Störungen durch Mobilfunkwellen und Radiostationen gibt. Deshalb soll in der Karoo in den nächsten Jahren das Square Kilometre Array gebaut werden, das alle bisherigen Radioteleskope übertreffen wird.  Alles übertreffen wird auch die Größe der Datensätze. Gefragt sind also nicht nur Astronomen, sondern auch Informatiker.

Südafrika und Astronomie – das passt scheints gut zusammen. Kapstadt ist wahrscheinlich auch die einzige Stadt, deren Wahrzeichen am Himmel strahlt. 1751 war ein französischer Astronom namens Lacaille in der Kapkolonie zu Gast. Eine Sternengruppe erinnerte ihn an den Tafelberg. Im Zuge seiner Arbeit, dem Bestimmen von Sternbildern, taufte er das Sternbild auf diesen Namen. Und da sage nochmal jemand, der Mount Everest wäre der höchste Berg…

Youth Day

Wir schreiben den 16. Juni 2017. Ganz Südafrika genießt einen freien Tag, ohne genau zu wissen warum. Ganz Südafrika? Nein, ein Organisationskomitee aus unermüdlichen NGO-Mitarbeitern lässt die Arbeit nicht ruhen, um an die Hintergründe des Youth Days zu erinnern… Und da ich inzwischen bei AIDC ja erklärtermaßen zum Inventar gehöre, habe auch ich meinen Freitag bei der Massenveranstaltung in Khayelitsha verbracht.

Das Event hat AIDC in Zusammenarbeit mit einigen anderen Organisationen geplant. Entsprechend ging es im Büro in der letzten Woche heiß her. Neben dem intensiven Normalbetrieb mussten sich ja schließlich auch Leute um Poster, Catering, den Veranstaltungsort und viele, viele Kleinigkeiten kümmern und alles mit den anderen NGOs im Organisationskomitee abstimmen. Das meiste davon fand so dermaßen auf den letzten Drücker statt, dass ich mit meiner wahrscheinlich sehr deutschen Organisationsmentalität schon am Gelingen des Events gezweifelt habe. Letztendlich haben sich aber doch Helfer gefunden, die einen Kessel Suppe spenden wollten, und pünktlich Donnerstagnachmittag stand auch eine Agenda fest.

Ungefähr 270 Teilnehmer aus Kapstadts Townships und eine Busladung „Comrades“ aus Robertson, aus einer ländlichen Community, trudeln nach und nach in der Mehrzweckhalle in Khayelitsha ein. (Wie üblich dauert das seine Zeit – und länger als im Zeitplan vorgesehen). Weil es in der Halle unangenehm kalt und draußen schön sonnig ist, findet die Begrüßung draußen statt. Die Veranstaltung beginnt mit dem Singen von Protestliedern, die ich zwar irgendwo schon mal gehört habe, aber nicht verstehe, und mehreren „Amandla!“- Rufen. Mit diesem alten Antiapartheidsschlachtruf beginnt fast jedes AIDC-Meeting. Als nächstes wandert die Versammlung in die Halle und wir schauen einen kurzen Dokumentarfilm über den Schüleraufstand in Soweto, an den der Youth Day erinnern soll. Weshalb in Soweto vor 41 Jahren Schüler demonstrierten, habe ich hier schon erklärt.

Anschließend teilt sich die Menge in Fokusgruppen, die die Themen Arbeitslosigkeit, sexuelle Gewalt, „Data must fall“, Landreform und Bildung behandeln. Weil mir das irgendwie am besten zum Anlass zu passen scheint, ordne ich mich der letzteren Fokusgruppe zu. Moderiert wird sie von einem Studenten aus der #Feesmustfall-Bewegung.  Wie steht es also heute um das Bildungssystem?

Die Statistik, die unser Moderator als Einstieg wählt, ist einigermaßen schockierend. Von 100 Erstklässlern schaffen es nur 40 ins 12. Schuljahr. In Südafrika müssen alle 12 Jahre zur Schule gehen, egal ob das Karriereziel Fliesenleger oder Physiker ist – wer vorher abgeht, gilt als Schulabbrecher.  Von den 40 Zwölftklässlern bestehen nur 20 ihre Matric, die Abschlussprüfung, die ihnen Zugang zur Universität gibt. Von diesen 20 sind mindestens die Hälfte weiß – und das, obwohl Weiße nicht einmal 9% der Gesamtbevölkerung ausmachen.P1040319

Die anwesenden Highschoolschüler aus Philippi erzählen, wie sie aus Raumnot seit Jahren in Containern unterrichtet werden und es an Lehrbüchern und anderen Unterrichtsmaterialien fehlt. Die Privatschulen in den reichen Suburbs haben diese Probleme mit Sicherheit nicht. Wegen der hohen Schulgebühren sind sie jedoch auch für die schlausten Köpfe aus armen Elternhäusern keine Option. Genauso halten die hohen Studiengebühren an Südafrikas Universitäten viele fern, die sicherlich das Zeug zum Studieren hätten, und lassen viele andere junge Leute tief in Schulden rutschen, bevor sie überhaupt einen Abschluss haben.

Das Fazit meiner Fokusgruppe lautet so ungefähr „Es hat sich nichts verändert“. Klingt hart. Wie viel ist dran?

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Hot Dogs für knapp 300 Leute

Nach allen Redebeiträgen gibt es für jeden einen Becher Suppe und einen Hot Dog. Ich helfe beim Suppeschöpfen und -verteilen. Das ist gar nicht so einfach, weil die jungen Erwachsenen so sehr drängeln, um einen Becher Suppe zu bekommen, dass die Essensausgabe um ein Haar in großem Chaos geendet wäre. Sehr wahrscheinlich ist, dass unsere Suppe für viele die erste und wohlmöglich auch einzige Mahlzeit des Tages ist. Township ist auf keinen Fall gleichzusetzen mit arm. Khayelitsha allein hat ungefähr doppelt so viele Einwohner wie meine Heimatstadt Erfurt, an die 400.000. Entsprechend gibt es auch ganze Viertel mit Mittelklasse–Reihenhäuschen. Andere Gegenden sind dagegen ein Wirrwarr aus Wellblech und Plastikfolien.

P1040326Es gibt sie also auf jeden Fall: Menschen, für die ein Becher Suppe umsonst einen größeren Unterschied macht, als der demokratische Umbruch. Menschen, an denen jedes Subventionierungsprogramm und jede Infrastrukturmaßnahme der letzten 23 Jahre vorbeigegangen ist. Und die durch das wenig durchlässige Schulsystem auch keine Chance haben werden, sich aus diesen Verhältnissen herauszuarbeiten.

 

Winter

Die am meisten zitierte kapstädter Bauernregel lautet „Vier Jahreszeiten an einem Tag“. In der vergangenen Woche war allerdings ziemlich eindeutig und konstant Winter. Der Wind hat sich gedreht – und das ist an dieser Stelle keine Metapher. Anstatt des stetigen South-Easters kommt der Wind seit letzter Woche von Nordwesten. Der Wintersturm letzte Woche Mittwoch hat es ja sogar in die deutschen Nachrichten geschafft.

Für einen Tag lag in Kapstadt das öffentliche Leben weitgehend lahm. Die Schulen blieben geschlossen, viele Arbeitnehmer durften ebenfalls einen Tag lang zuhause bleiben. Das war durchaus gerechtfertigt. Der Sturm wehte mit einer solchen Kraft, dass Bäume umknickten wie Streichhölzer und Hausdächer von festen Häusern wegflogen. Bei meinem letzten Besuch im Long Street Pool sind mir selbst im Dach der Schwimmhalle große Löcher ins Auge gefallen.

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Während des Sturms: Zerzauster Baum und peitschender Regen

Die große Katastrophe ist definitiv nicht in Kapstadt eingetreten, sondern weiter im Osten, entlang der Garden Route. Dort sind wegen des Sturms Buschfeuer außer Kontrolle geraten. Die anhaltenden Windböen erschwerten das Löschen derart, dass sich die Flammen durch ganze Viertel von Ferienorten wie Knysna fraßen. Mit verheerenden Folgen, wie man hier sehen kann.

Wenigstens regnet es seit dem Sturm wieder, was alle sehr freut. Und das nicht zu knapp. In der vergangenen Woche habe ich nicht einmal der Tafelberg und den Devil´s Peak gesehen, so tief hingen die Wolken, aus denen es konstant mehr oder weniger heftig vor sich hin nieselte und regnete. Trotzdem sind die Füllstände der Wasserspeicher in der vergangenen Woche nur um 1,6% angestiegen. Das völlig ausgedörrte Erdreich hat das Regenwasser aufgesaugt wie ein Schwamm, sodass es gar nicht in den Staudämmen ankam. Soll es also mal schön weiter regnen, oder?

Auf manche Special Effects könnte ich jedoch auch verzichten. Dadurch, dass ich seit letzter Woche so mehr oder weniger in einer Wolke lebe, fühlt sich jede Fläche in der WG irgendwie klamm an, sogar auf dem Treppengeländer schlägt sich ein feiner Wasserfilm nieder. Leider versuche ich auch schon seit Sonntag vergeblich, meine Klamotten trocken zu bekommen. Auch nach dreieinhalb Tagen auf dem Wäscheständer war die Hose, in die ich heute Morgen mit leichtem Schaudern gestiegen bin, noch klamm. Seitdem ist mir klar, dass die Wolke, die mich umgibt, nicht Wolke 7 sein kann. Unendlich viel unangenehmer muss die derzeitige Wetterlage jedoch für alle sein, die in einer Wellblechhütte oder ganz ohne Dach über dem Kopf leben. Insofern ist klamme Kleidung doch ein First-World-Problem.

Die sehr mitteleuropäische Gleichung Winter=kalt gilt auch in Kapstadt, wenn auch auf etwas andere Art. In der vergangenen Woche hatte es mehr oder weniger konstant 13°C. Draußen und drinnen.  Isolierung, Zentralheizung und dergleichen gibt es nämlich nirgendwo. Die meiste Zeit des Jahres kommt man ja schließlich auch ohne aus. Für die paar Wochen Winter dagegen haben die Kapstädter das Frösteln perfektioniert. Meine Kollegen sitzen zurzeit in Fleecedecke, Wintermantel, Fellmütze oder Steppweste im Büro und auch ich habe meinen Schal ausgegraben. An der Wand hängen zwei sogenannte Panel Heaters, die mäßig viel Wärme abstrahlen, dafür aber so viel Strom ziehen, dass schon ein paar Mal die Sicherung geflogen ist. Andere Leute stellen sich ordinäre Heizlüfter oder heizpilzartige Gasöfen in die Zimmer, die auch nicht wesentlich mehr helfen. Meine persönliche Strategie gegen Gänsehaut ist schlicht und einfach Bewegung. Am liebsten nach wie vor Schwimmen im Long Street Pool – Das Wasser dort ist nämlich beheizt.

20170615_132327Meine Mitfreiwillige meinte neulich „Ich komme so langsam in Weihnachtsstimmung.“ Witzigerweise sind viele Supermärkte wirklich gerade festlichem Grün und Gold dekoriert. Statt Sterne hängen allerdings Halbmonde von der Decke, denn es ist Ramadan. Zumindest im muslimisch geprägten Observatory spielt das eine Rolle. Auf den Angebotsflächen stehen allerlei Zutaten für muslimische Fastenspeisen, die zum Teil auch zu meiner deutsch geprägten Winterstimmung passen. Ich habe mir zum Beispiel eine Fertigmischung für Boeber gekauft, das ist eine Art dünnflüssiger Milchpudding mit Zimtgeschmack, den ich mir heute Abend kochen will. Fürs erste habe ich diese Woche das Glas Apfel-Zimt-Marmelade geöffnet, das mir meine Eltern im März mitgebracht haben.

Nachbemerkung: Gerade komme ich von einem Mittagspausenspaziergang zurück – im Sonnenschein! Heute früh hätte ich darauf noch nichts verwetten wollen. So zeigt sich wieder: „Vier Jahreszeiten, ein Tag.“

Wer ist eigentlich Don Mattera?

Alles begann mit einer Kurznachricht, die eine Kollegin am Donnerstag in die AIDC – Whatsapp-Gruppe schickte. Sie hatte mitzuteilen, dass sie spät dran sei, da sie noch Don Mattera vom Flughafen abholen müsse. Allein der Name verbreitete sich im Büro wie ein Lauffeuer, und ich wunderte mich, wer wohl dahinter stecken mag. Der Sache auf den Grund gegangen bin ich zunächst nicht – ich habe einfach angenommen, dass es sich um ein ranghohes Gewerkschaftstier, einen Würdenträger der Economic Freedom Fighters oder der South African Communist Party oder herausragenden Theoretiker zum Thema Marxismus handeln muss, denn das sind die Personengruppen, die meine Kollegen normalerweise in Aufregung versetzen. Eigentlich erschien es mir auch ziemlich unwichtig, denn der mysteriöse Don Mattera war gar nicht wegen einer AIDC-Veranstaltung nach Kapstadt gekommen.

IMG-20170609-WA0003Am Nachmittag bildete sich im Flur ein Auflauf um einen kleinen Mann um die Achtzig, einen Fez auf dem Kopf, ein breites Lächeln im Gesicht – Don Mattera! Beonders interessiert er sich für unsere Bibliothek, in der auch ein Buch von ihm steht, ein Gedichtband namens „Azanian Lovesongs“. Seine neuesten Werke hält er noch in der Hand: 9 mit einem abgebrochenen Zahnstocher in einer Ecke zusammengehaltene und schon etwas zerknitterte Blätter, die in einer gestochen scharfen Druckschrift mit weiteren Gedichten beschrieben sind. Don Mattera ist also ein Autor. Aber nicht nur.

Während Don Mattera bei uns auf dem Flur steht, spricht er von Versöhnung, von Mitgefühl als Waffe im Kampf gegen die Barbarei, vom neuen Südafrika…Da wird mir schon klar, dass es sich lohnen könnte, sich über diese Facette seiner Person noch einmal schlau zu machen.

Don Mattera wurde 1935 im Western Native Township von Johannesburg geboren, wuchs aber in Sophiatown bei seinen Großeltern auf. Sophiatown hat in vieler Hinsicht Ähnlichkeit mit dem kapstädter  District Six. Es war ein gemischtes, kulturell vielfältiges aber armes Viertel und genau wie District Six wurde es während der Apartheid zwangsgeräumt und 1963 abgerissen.  Den größten Teil seiner Schulzeit verbrachte er in einem katholischen Internat in Durban. Die Ausbildung dort war besser als an den staatlichen Schulen für „Coloureds“. Dort entdeckte er sein Faible und Talent fürs Schreiben. Nach seiner Rückkehr nach Johannesburg, sah es zunächst nicht so aus, als würde einmal zum Botschafter für Versöhnung werden. Er wurde Anführer einer Gang. Die Gangster kämpften nicht nur untereinander, sondern auch gegen die Räumungskampagne in Sophiatown. So oder so, Schusswechsel und Messerstechereien gehörten zum Geschäft. Mit 20 verbrachte Mattera sogar einige Zeit in Untersuchungshaft. Danach ließ er die Gang hinter sich und führte seine politisch Aktivität mit Worten fort. Er trat der ANC Youth League bei, später war er  an der Gründung der Union of Black Journalists und dem Congress of South African Writers beteiligt. Er schrieb Gedichte, Theaterstücke und Geschichten und arbeitete als Journalist, zum Beispiel für die Tageszeitung Sowetan, die den Befreiungskamf befürwortete. Seine Beliebtheit bei den Politikern der Apartheidsregierung war entsprechend klein – von 1973 bis 1982 war er gebannt. Keine Teilnahme an Versammlungen aller Art, Publikationsverbot und strenge Aufenthaltsregeln – 3 Jahre stand Don Mattera sogar unter Hausarrest. Seit dem Ende der Apartheid ist er dagegen umso beliebter – als Motivationsredner, Versöhnungsikone, Veteran aus dem Freiheitskampf. Und Autor – seine Werke sind vielfach ausgezeichnet.

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Ich bekam die Aufgabe übertragen, die Gedichte auf den zerknitterten Zetteln in Don Matteras Hand zu kopieren. Eines hieß „Thoughts from the living legend´s legacy“.  Vielleicht ist Don Mattera eine lebende Legende – das ist jedenfalls, was meine Kollegen sagen.

Vom Film zur Serie

Nachdem mein Animationsfilm über „Rainwater Harvesting“ so gut angekommen war, habe ich in den vergangenen zwei Monaten an Episode 2 gearbeitet – das Thema: „Solar Water Heaters“.

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Einerseits hatte ich es einfacher als in der ersten Folge, weil ich auf einen Grundstock an Figuren zurückgreifen konnte und nicht wochenlang nach Bildern von südafrikanischen Spezialitäten wie der Blue Box, dem Wasserzähler mit begrenztem Durchlauf, fahnden musste. Auf der anderen Seite sind Solarthermieanlagen ein Stückchen komplexer als Regentonnen. Das meiste Kopfzerbrechen hat mir jedoch die Visualisierung von „international climate change targets“ bereitet.

Der Film ist inzwischen fertig, veröffentlicht und kann hier in Englisch und isiXhosa angeschaut werden.

Ich gebe mir alle Mühe vor meiner Heimreise noch eine dritte Folge zu produzieren. Themen wurden genug an mich herangetragen.

 

Zip Zap Hurra!

Als ich das letzte Mal im Zirkus war, muss ich noch in der Grundschule gewesen sein. Ganz genau erinnere ich mich nicht mehr. Woran ich mich aber noch erinnere, ist eine Geolino-Reportage über ein besonderes Zirkusprojekt, den Zip Zap Circus Kapstadt, die ich ungefähr zu dieser Zeit gelesen habe. Es wurde also Zeit, die Erinnerung an Zirkus im Allgemeinen einmal aufzufrischen und dem Zip Zap Circus im Besonderen nachzuforschen. Am Samstag  habe ich die Gelegenheit genutzt.

Einerseits war die Vorführung, die ich mir angeschaut habe, eine Benefizveranstaltung für den Cape Leopard Trust. Auf der anderen Seite feierte Zip Zap mit der Show auch sich selber. Grund dazu gibt es genug. Der Zip Zap Circus wird in diesem Jahr 25 Jahre alt.

1992… Die Apartheid bröckelte, doch die sozialen Gräben waren tief. In diesem Umfeld gründeten Laurence Estève und Brent van Rensburg den Zip Zap Circus mit dem Ziel, Kindern aus verschiedensten Verhältnissen zusammenzubringen. Die Zirkuskünste sollten dabei als Kitt dienen. Zip Zap versteht sich als Zirkusschule genauso wie als Schule des Lebens. Neben Jonglage oder Akrobatik sollen die Kinder und Jugendlichen auch Werte wie Teamwork und Durchhaltevermögen lernen. Und natürlich Spaß haben.

Wer bei Zirkus an ein buntes, rundes Zelt denkt, wird sich schwer tun, den Zip Zap Circus als solchen zu erkennen. Was dort eingekeilt zwischen dem klotzigen Artescape Theatre und dem Hafen vorzufinden ist, sieht eher aus wie ein weißer Schildkrötenpanzer. Dort finden die Trainingseinheiten für die Artisten statt und die Vorstellungen.

Zur Abwechslung lohnte es sich auch, etwas zu früh zu kommen. Im Eingangsbereich der Zirkuskuppel gibt es nicht nur Würstchen und Naschkram, sondern auch eine artistische Vorspeise. Einige Jongleure lassen bereits ihre Bälle fliegen. Ich vermute, es ist ihr Aufwärmprogramm, für die Zuschauer jedenfalls ist es ein Appetithäppchen auf das, was später kommt.

Kurz darauf heißt es „Bitte platznehmen, die Vorstellung beginnt!“ Hinter den Kulissen hört man einen Manege-frei-Schlachtruf, der in einem lautstarken „Zip Zap!“ endet und dann stürmen die Artiste die Bühne (von Manege kann wegen der Form der Kuppel keine Rede sein) mit einer Clownsnummer, in der ein Fotograf ein Gruppenfoto knipsen will, die Gruppe aber natürlich macht, was sie will.

Der Rest der Show ist sehr akrobatisch. Trapez, Vertikaltuch, Trampolin, Schlangenmenschen… In jede einzelnen Vorführung beeindrucken mich die Gelenkigkeit, Kraft und Eleganz der Darsteller. Umso mehr, weil die Artisten Jugendliche, zu größten Teil vermutlich jünger als ich selber, sind.

Meine Lieblingsnummer strapaziert obendrein die Lachmuskeln. Zwei faule Bäckergesellen werden von ihrem Meister auf Trab gebracht. Mit einer einzelnen Ohrfeige ist das nicht getan. Viel mehr entwickelt sich daraus eine vor Slapstick nur so triefende Showeinlage. Wenn der Bäckerjunge, der sich gerade eben noch neben einen Stuhl gesetzt hat, im nächsten Moment ein Salto springt, wirkt das alles aber gar nicht tollpatschig. Die Baker Boys scheinen ein Klassiker aus dem Zip Zap repertoire zu sein – deswegen gibt es hier einen Videoclip der Nummer.

Das Motto von Zip Zap ist „ordinary kids doing extraordinary things“. Außergewöhnlich gut fand ich die Darbietungen tatsächlich. Ein weiterer Leitsatz ist „dare to dream“. Damit die Kinder, die an den Zirkuskursen teilnehmen, nicht nur von einer Zirkuskarriere träumen können, dient dieser Leitsatz auch als Name für eine auf Professionalisierung ausgerichtete Ausbildung für fortgeschrittene Artisten. Wer sie durchlaufen hat, hat danach die Qualifikation berufsmäßig als Zirkusartist zu arbeiten. Oder als Trainer für jüngere Zip Zap Kinder – ein Schneeballeffekt.

In den letzten 25 Jahren hat sich Zip Zap zur Marke für gelungene Jugendarbeit entwickelt. In Südafrika und darüber hinaus, denn Zip Zap Artisten gaben auch schon internationale Shows. Inzwischen ist Zip Zap aus dem Schildkrötenpanzer im Foreshore Area herausgewachsen. Die neue Zirkusakademie ist gerade im Bau und soll im September fertig werden. Dann können die nächsten 25 Jahre ja kommen.