Handwerkliche Nachbereitung

Zu den Dingen, die ich in Kapstadt manchmal sehr vermisst habe, gehört zweifelsohne eine Nähmaschine in greifbarer Nähe. Das lag hauptsächlich an den schönen, bunten Baumwollstoffen, die es Südafrika zu kaufen gibt: Shweshwe.

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Der originale Shweshwe-Stoff ist indigofarben mit feinen weißen Mustern. Die Drucktechnik ist dieselbe wie beim europäischen Blaudruck: Mit gravierten Kupferwalzen wird Säure auf den durchgefärbten Stoff aufgebracht, die die Farbe entlang der Muster wieder wegätzt. Tatsächlich waren es die Europäer, die in den 1840er-Jahren den blauen Stoff mitbrachten. Zum Beispiel dem König Moshoeshoe I als Geschenk – von seinem Namen soll sich das Wort Shweshwe ableiten.

Auf Xhosa heißt Shweshwe auch ujamani, in Anlehnung an das Wort German, denn zunächst waren es die deutschen Siedler in der Ostkapprovinz, die sich in Shweshwe kleideten. Mit der Zeit übernahmen die Xhosa den blauen Stoff in ihre eigene Gaderobe und würden heute – gute 150 Jahre später – wohl sagen, dass Shweshwe-Röcke und Shirts zu ihrer traditionellen Kleidung gehören.

Dabei wird erst seit 1982 im großen Stil Shweshwe in Südafrika produziert. Lange Zeit wurde der Stoff aus England eingeführt. Seit den 80er-Jahren wurde das Farbspektrum zuerst auf schokoladenbraun und dunkelrot erweitert, heute gibt es Shweshwe in allen erdenklichen Farben von grün und türkis über pink und violett bis gelb und orange. Die Muster sind jedoch dieselben geblieben.

Nur ein paar 100 Meter entfernt von meiner kapstädter Bleibe gab es eine Schneiderei, die aus den Stoffbahnen Mode machte. Einerseits wurden dort traditionelle Schnitte mit den neuen Farben kombiniert, wie zum Beispiel bei dem Shirt, das meine Kollegen mir zum Abschied schenkten. Andererseits hingen auch modische Jumpsuits und Kapuzenpullover im Schaufenster. Neben den fertigen Kleidungsstücken konnte man den Stoff auch meterweise kaufen.

An meinem letzten Tag in Kapstadt habe ich mich dort gründlich eingedeckt und sogar noch den Verschnitt nach brauchbar großen Stücken durchwühlt. Seit ich wieder zuhause und in der Nähe einer Nähmaschine bin, arbeite ich an der Shweshwe-isierung meines Alltags. Mein Terminkalender kleidet sich in einen schicken Stoffeinband, aus den Verschnittstücken habe ich Schlüsselbänder, Anhänger und Krimskrams-Täschchen genäht und am vorletzten Wochenende ein Sweatshirt mit Shweshwe-Einsatz. Kurz gesagt trage ich neben allen Südafrika-Erinnerungen auch ganz materiell immer ein bisschen Kapstadt mit mir herum.

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10 Monate, 10 Tage und 1000 neue Eindrücke

Seit einem Monat bin ich wieder zuhause. Genug Zeit, um meine Zeit in Südafrika Revue passieren zu lassen, auch schriftlich. Hier ist mein offizieller weltwärts-Abschlussbericht.DSC_0183

In der Arbeit – von wegen Bürojobs sind langweilig!

AIDC ist eine ungeheuer vielfältige Organisation. Es ist mir bis zuletzt schwer gefallen, auf den Punkt zu bringen, was sie eigentlich alles macht. Ich habe also eine Vielfalt möglicher Arbeitsfelder vorgefunden und mit Jeff einen Betreuer, der mir viel Freiheiten ließ, mir welche auszusuchen, die mir liegen. Letztlich habe ich an mehreren interessanten Projekten gearbeitet:

Wirklich „mein“ Projekt waren dabei die Animationsfilme. Letztendlich habe ich es auf drei Stück gebracht, und zwar zu den Themen Regenwasserzisternen, Solarthermie und Klimawandel. Obwohl die Filme ursprünglich zur Verbreitung über Social Media gedacht waren, kam das leider nie so ganz in Schwung. Trotzdem habe ich das Gefühl, etwas Nützliches getan zu haben, denn immerhin fragten dreimal Leute bei mir an, ob sie die Videoclips für eigene Veranstaltungen nutzen dürfen – zum Beispiel auf der Water Justice Conference in der St. George´s Cathedral vor mehr als 100 Leuten.

Um nicht die einzige zu bleiben, die sich mit Animationsfilm auskennt, habe ich mich mit Madoda, dem Kopf hinter AIDCs Popular Education Program, zusammengetan. Im Februar haben wir einen eintägigen Filmworkshop für die jungen Männer aus dem Lesezirkel, den er wöchentlich in Khayelitsha abhält, veranstaltet. Madoda kümmerte sich um den inhaltlichen Beitrag, ich war für die technische Seite verantwortlich und habe den Jungs aus dem Township Stop-Motion und Videobearbeitung erklärt. Das entstandene Video behandelt das Thema Arbeitslosigkeit und kann sich gemessen an der Kürze der Zeit, in der es entstanden ist, echt sehen lassen. Um in der zweiten Auflage mehr inhaltliche Tiefe zu erreichen, haben Madoda und ich uns im April zweimal in Khayelitsha mit dem Lesezirkel getroffen und das Thema Fremdenfeindlichkeit diskutiert. Die Erkenntnisse aus der Diskussion sollten in das Script einfließen. Dann verloren die Reading Group, Madoda und ich uns leider in endlosen Aufschüben. Zum Glück haben wir in der ersten Augustwoche doch noch einen Filmworkshop zustande bekommen. Die Erinnerungen an unsere Diskussionsrunden ein Vierteljahr früher waren  zwar schon etwas verschüttet, aber Madoda hatte Notizen, sodass wir die wichtigsten Inhalte noch einmal zusammenfassen konnten. Das Ziel war ursprünglich, dass das Grüppchen, solange ich da bin, so viel über Videoproduktion lernt, dass sie danach auch selber Filme machen können. Ich glaube, das ist, weil wir die Zeit so schlecht genutzt haben, nicht ganz geglückt. Zwar waren die jungen Männer im zweiten Workshop schon viel selbstständiger, als es um die Erstellung eines Drehbuchs und die Animation der Figuren ging, aber was den Umgang mit dem Videoschnittprogramm angeht, gab es mangels Routine noch Schwierigkeiten.

Eine weitere Aufgabe, die mich lange beschäftigt hat, war die Endredaktion des neuen Million Climate Jobs Booklets, das die Frage behandelt, wie man durch die Umstellung auf erneuerbare Energien eine Million neue Arbeitsplätze schaffen kann. Seit Dezember war ich diejenige, die die 60 Seiten immer wieder auf Rechtschreib und Formatierungsfehler kontrollgelesen und alle Änderungen der Autoren in einer Version zusammengestellt hat. Auch die illustrierenden Diagramme habe ich erstellt. Letztlich bin ich sogar zur Co-Autorin aufgestiegen. Nachdem die externen Gutachter ein Kapitel über Biogasanlagen vermisst hatten, musste unter Zeitdruck eines eingefügt werden. Es schien wenig aussichtsreich, dass uns ein Fachmann so kurzfristig ein paar Absätze schreiben würde. Deswegen nutzte ich meine Notizen aus dem Vortrag eines Fachmanns, um das Kapitel zu schreiben. Schade ist, dass ich das Booklet letztlich nicht mehr gedruckt gesehen habe. Den Kontakt mit den Druckereien habe ich meiner Nachfolgerin übriggelassen.

Dazu kamen viele kleiner Aufgaben: Protokoll schreiben bei den monatlichen Climate Jobs Meetings, Rechercheaufträge, Hilfe, wo Hilfe gebraucht wurde. Natürlich gab es auch die Dinge, die weniger Spaß gemacht haben. Seitenweise Adressen in die Datenbank einzutippen oder im großen Stil Artikel für die Website zu formatieren, hat mich zwar gut beschäftigt gehalten, war aber nicht die große Erfüllung.

Durch meine Arbeit bei AIDC bin ich – das liegt in der Natur der Organisation – sehr stark mit südafrikanischer Politik in Kontakt gekommen. Besonders Zumas Kabinettsumstellung und die folgenden #Zumamustfall-Proteste machten meine Zeit in Südafrika zu einer politisch spannenden. Bei AIDC wurden zu vielen Aspekten der Tagespolitik Diskussionsforen veranstaltet. Auch wenn ich AIDCs marxistischer Weltsicht nicht immer zugestimmt habe, habe ich nicht ungern zugehört, die Informationen für mich gefiltert und eingeordnet und so doch eigentlich immer etwas gelernt.

Obwohl mein Bürojob viel abwechslungsreicher war, als erwartet, freute ich mich immer besonders, wenn sich die Gelegenheit ergab, über den Tellerrand hinauszugucken. Besonders schön war es, wenn ich so Dinge, von denen ich schon gehört und gelesen hatte, selber erleben konnte. Zu den Highlights in dieser Hinsicht zählten eine Farmlandtour im Philippi Horticultural Area, der Besuch der Water Justice Conference und die Summer School an der Universität zum Thema „Mining the West Coast and the Wild Coast – at what cost?“.

Eines würde ich im Nachhinein betrachtet anders machen: Ein Standardsatz meiner Kollegen war „I have a meeting at…“ und dann waren sie auch schon weg, ohne genau zu sagen, worum es in dem Meeting geht, oder gar zu fragen, ob ich mitkommen will. Natürlich ist jeder des eigenen Glückes Schmied. Wahrscheinlich hätte ich mit etwas mehr hartnäckigem Nachfragen noch viele andere interessante Eindrücke gewinnen können.

So viel gelernt

weltwärts soll ein Lerndienst sein. Was habe ich also gelernt?

An erster Stelle habe ich viele Menschen kennengelernt. Zum einen meine Kollegen bei AIDC, die es mir leicht machten, mich willkommen zu fühlen. Ich habe gerne mit ihnen zusammengearbeitet, auch wenn ich mich erst einmal auf den südafrikanischen Arbeitsrhythmus einschwingen musste, in dem Fristen und langfristige Planung etwas lässiger gehandhabt werden, als ich das bisher gewohnt war. Der Abschied fiel mir dafür letztlich umso schwerer. Als bei meiner Abschiedsfete alle sagten, was sie an mir schätzen, war ich sehr gerührt und fühlte mich noch viel angenommener als ohnehin schon. Zum anderen habe ich einige Freizeitbekanntschaften geschlossen. Ziemlich schnell hatte ich in der Kletterhalle Kletterpartner gefunden, mit denen ich auch an den Kletterfelsen rings um Kapstadt unterwegs war. Auch in der Studentengruppe der Kirche habe ich einige Kontakte knüpfen können.

Auf ganz praktischer Ebene habe ich gelernt, wie man sich in Kapstadt zurechtfindet. Fortbewegung schien mir zuerst wie ein Buch mit sieben Siegeln. Jeder, der ein Auto hat, behauptet, dass man ohne in Kapstadt gar nicht leben kann. Das verkennt allerdings, dass die meisten Leute genau das tun. Es gibt also Wege – man muss sie nur finden. Im Laufe des Jahres hatte ich diesbezüglich eine steile Lernkurve. Zuletzt hatte ich die Liniennetzpläne der MyCiti-Busse und der Vorortzüge im Regal stehen und eine gute Vorstellung davon, wo welche Minibustaxis hinfahren. So habe ich es tatsächlich fast überall, wo ich hin wollte, auch hin geschafft. Jedenfalls bei Tag, denn sobald es dunkel wird, ist man in Kapstadt aus Sicherheitsgründen ohne eigenes Auto doch wieder aufgeschmissen.

Ganz nebenbei habe ich die Stadt kennen und schätzen gelernt. Mein WG-Zimmer war nicht spektakulär genug, dass es mich dort an freien Tagen lange hielt. Lieber habe ich etwas unternommen. Im Sonnenschein an der Uferpromenade spazieren gehen, ein Eis essen in der Long Street, mit Freunden auf den Tafelberg steigen und dann den Tag am Strand ausklingen lassen, oder bei Regen im Kino, im Theater oder in Museen verschwinden…

Alles paradiesisch? Nicht ganz, nicht für alle. Das hat mir vor allem die Zusammenarbeit mit den jungen Männern aus dem Lesezirkel vor Augen geführt. Die meisten von ihnen hatten die Schule abgebrochen, weil ihre Eltern keine Arbeit und deshalb kein Geld hatten, das Schulgeld zu zahlen, und nun finden die Jungs selbst keine Arbeit. Arbeitslosenunterstützung gibt es nicht. Ich habe mich oft gefragt, wovon sie und ihre Familien überhaupt leben. In Deutschland arbeitslos zu sein, ist sicher nicht angenehm, aber diese Mischung aus Armut und Hoffnungslosigkeit ist damit nicht vergleichbar.   Dass der Zugang zu Bildung und das Sozialsystem, wie wir es in Deutschland haben, alles andere als selbstverständlich ist, habe ich nun gelernt.

Ich bin mit dem Ziel nach Südafrika gegangen, nicht nur meine Englischkenntnisse zu verbessern, sondern auch eine Sprache zu lernen. Das hat ganz gut geklappt. Durch meine Sprachkurse und im Alltag aufgeschnappte Phrasen habe ich genug Xhosa gelernt, um etwas Smalltalk und einfache Dialoge, zum Beispiel beim Einkaufen, bewältigen zu können. So richtig zum Einsatz kamen diese Fähigkeiten leider nie, weil in Kapstadt eigentlich jeder Englisch kann und die meisten Leute, die ich auf Xhosa ansprach, auch auf Englisch antworteten, um es mir einfacher zu machen. Als soziales Schmiermittel war es jedoch immer gut, ein paar Grußformeln auf Lager zu haben. Es wäre schön, wenn ich jetzt in Deutschland einen Xhosa-Übungspartner finden würde, damit von meinen Sprachkenntnissen mehr übrig bleibt, als ein vollgeschriebenes Vokabelheft.

10 Monate 10 Tage weg von zuhause… In der Zeit lief bei weitem nicht alles glatt. Es gab immer wieder Momente, in denen ich mir einen Ruck geben musste. Oder in denen ich meine Erwartungen erst einmal den Gegebenheiten anpassen musste. Auch das gehört wohl zum Lernen dazu.

Es ist beinahe 2 Jahre her, dass ich meine Bewerbung für ein Auslandsjahr in Südafrika abgeschickt habe. Jetzt im Nachgang würde ich sagen, dass das eine gute Entscheidung war.  Die gewonnenen Eindrücke und Erfahrungen möchte ich nicht missen.

Wie geht es weiter?

Künftig gilt: Tafelwerk statt Tafelberg. Zum Wintersemester beginne ich ein Biochemiestudium an der Universität Göttingen.

Im November steht mir noch ein Nachbereitungsseminar bevor. Bis dahin lasse ich meinen Blog online und werde ihn auch weiter mit Artikeln füttern, allerdings wohl nicht in der gewohnten Regelmäßigkeit.

 

Eingewöhnungswoche daheim

Am vergangenen Sonntag um 11:37h bin ich nach mehr als 10 Monaten wieder in Erfurt aufgeschlagen. Da steckten mir fast 24h Reise in den Knochen. Doch mal von vorn…

Samstag Vormittag… der Koffer zu, der Kleiderschrank leer, mein Vorratsfach in der Küche mitsamt Restbeständen an Gewürzen an meine Nachfolgerin übergeben. Unter der Floskel „Auf gepackten Koffern sitzen“ kann ich mir jetzt etwas vorstellen. Um kurz nach 12 lieferte ich beim Vermieter meinen Schlüssel ab und lud meinen Koffer ins Auto einer kapstädter Freundin, die mich zum Flughafen brachte. Dort brachte ich dann den letzten von unzählig vielen Abschieden hinter mich.

Der spannendste Moment war die Gepäckaufgabe. Mangels Waage konnte ich im Voraus nur schätzen, wie schwer mein Koffer ist. Dass das Limit von 23kg wohlmöglich knapp werden könnte, habe ich aber die ganze Zeit befürchtet. Auf dem Display am Schalter leuchtete letztlich eine kleine 22,5 auf – Maßarbeit! Und große Erleichterung meinerseits. Vor allem auch darüber, das keiner mein Handgepäck wiegen wollte. Das war vor lauter Xhosa-Sprachkursheften, vollgeschriebenen Notizbüchern und Mitbringseln nämlich mit Sicherheit zu schwer.

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Letzter Blick auf Kapstadt

Mein Flug nach Frankfurt via Johannesburg und Zürich und die Zugfahrt nachhause waren lang genug, um noch einmal die vergangenen Monate Revue passieren zu lassen. Ich habe beschlossen, dass das einen eigenen Blogbeitrag wert ist – in den nächsten Tagen mehr dazu!

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Home Sweet Home

Beim Vorbereitungsseminar wurden wir vorgewarnt, dass wir nach unserer Rückkehr mit großer Wahrscheinlichkeit einen umgekehrten Kulturschock erleiden werden. So schockierend fand ich die letzte Woche nicht, nur am ersten Tag waren einige Kleinigkeiten ungewohnt. Schon auf der Zugfahrt von Frankfurt nach Erfurt fiel mir auf, dass alles so ungeheuer grün ist – Aus Kapstadt war ich eine eher trockene Landschaft gewöhnt. Genauso seltsam fand ich es, als mein Sitznachbar dem Snackverkäufer im Zug einen Kaffee abkaufte und mit Münzgeld bezahlte. Irgendwie war mein Gehirn noch darauf geeicht, dass ein Filterkaffee 20 Rand kostet – und das ist ein Geldschein. Und natürlich habe ich zunächst auch noch die Nachbarn mit „Hello“ gegrüßt. Darüber bin ich inzwischen hinweg.

Ich wurde im Laufe der letzten Woche ein paar Mal mit „Du hast dich ja gar nicht verändert!“ begrüßt. Das würde ich so nicht ganz unterschreiben – meine Zeit in Südafrika ist sicherlich nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Ein Problem, mich wieder in das gewohntee Umfeld einzufügen, hatte ich bisher trotzdem nicht. Im Gegenteil habe es genossen, mich mit alten Freunden zu treffen, und unsere familäre Kartenspielrunde ebenso. Und ich weiß es sehr zu schätzen, nun wieder ganz einfach mit dem Fahrrad von A nach B zu kommen, sogar wenn es schon dunkel ist.

Großes Interesse an meiner Heimkehr hatte allerdings auch die Krankenversicherung, bei der ich mich ganz offiziell zurückmelden musste. Obendrein hatte ich auch für den Studienstart noch einige Formulare auszufüllen. Deutsche Bürokratie? Ich glaube, das wäre nirgendwo anders. Trotzdem habe ich mir meinen ersten Terminplaner seit meinem Schülerkalender gekauft.

Mit moderner Kommunikation ist es zum Glück kein Ding der Unmöglichkeit, mit meinen kapstädter Freunden und Kollegen in Kontakt zu bleiben. Tatsächlich freue ich mich wie eine Schneekönigin über jedes Lebenszeichen von ihnen und schreibe fleißig zurück. Es war mit Sicherheit nicht das letze Mal, dass ich in Südafrika war.

 

 

King Kong – überhaupt nicht affig

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Der Gedanke, meinen letzten Abend in Kapstadt damit zu verbringen, auf meinen gepackten Koffer zu starren, sagte mir gar nicht zu. Deshalb habe ich mir am Freitag recht kurzentschlossen noch einmal eine Theaterkarte gekauft und bin für meinen Abschlussabend in einem der plüschigen Sessel des Fugard Theatres versunken. Wie ich auf die Idee gekommen bin? Am Anfang stand die Empfehlung eines Kollegen, der mich auf die Neuinszenierung des Musicals King Kong hinwies und darauf, dass das Stück Kult sei.  

 

 

Die Originalinszenierung von 1959 sahen allein in Südafrika 200 000 Zuschauer – gespielt wurde das Stück vor rassegemischtem Publikum, ein kleiner Skandal damals. 1961 zog das Musical ins Londoner West End und erfreute dort auch europäisches Publikum. Dazu trugen mit Sicherheit auch die mitreißenden Jazzstücke von Todd Matshikiza bei. Die erklingen auch in der Neuinszenierung, das Textbuch von Pat Willams wurde dagegen ergänzt und vorsichtig modernisiert.

Mein Blick gleitet über die noch leere Bühne. Nur ganz oben hinten in der Kulisse, nur schemenhaft durch ein rostbraunes Stück Streckmetall zu erkennen, hat bereits die Musical-Band platzgenommen. Rostbraun ist auch der Rest des Bühnenbilds und Wellblech ist ein nicht unwesentlicher Bestandteil. Die Atmosphäre erinnert an eine Mischung aus Containerhafen und Wellblechsiedlung. Zumindest letztere Assoziation ist gewollt.

Die ersten Darsteller, die die Bühne betreten, sind vier Jungs in Schuluniformen, die herumblödeln und einen Ball  hin und her kicken und letztlich fangen zwei von ihnen beinahe eine Rauferei an. Doch dann tritt Popcorn auf, Barbier und Geschichtenerzähler, der die Streithähne trennt. Er zückt nur einmal sein Rasiermesser, schon spritzen die Jungs auseinander. Dabei war das gar nicht als Drohung gemeint. „This Razor shaved the King´s beard“, erklärt Popcorn und beginnt den Jungen die Geschichte des Boxers King Kong zu erzählen. Dazu nimmt er sie und das ganze Publikum mit in das Sophiatown der 1950er-Jahre. Das Interesse der Schuljungen ist sofort geweckt, denn einer von ihnen träumt von einer Karriere als Boxer. Auch ich als Zuschauerin konnte mich Popcorns Erzählung nicht entziehen.

Sophiatown, das war ein eher armes, aber lebhaftes Viertel von Johannesburg, in dem die Menschen trotz Apartheid „farbenblind“ zusammenlebten. Sophiatown, das war Heimat von Künstlern, von Jazz, von Gangstern. Wellblech gab es sicher auch genug. Das reale Vorbild der Figur King Kong war der Schwergewichtsboxer Ezekiel Dlamini. Auch er bewegte sich in diesem Umfeld. Den Spitznamen King Kong bekam er wegen seiner ungeheuren physischen Stärke. Man nannte ihn auch ehrfürchtig „The King“.

Spot on! „King Kong right on top man / King Kong never can fall /King Kong nothing can stop him /That´s me! I´m him! King Kong!” jazzt es durch den Saal. King Kong betritt im mit zwei großen K bestickten Seidenmorgenmantel die Bühne, auf der aus dicken Tauen ein Boxring aufgebaut wurde. Der Boxkampf selber findet ungeheuer spannungsvoll in Zeitlupe statt. Natürlich geht King Kong als Champion aus dem Ring.

Die nächste Szene ist als Pressekonferenz inszeniert. Und an dieser Stelle wird das Musical etwas politisch. Der frischgebackene Boxchampion äußert, dass er nach London will, um dort ein Botschafter des schwarzen Sports zu werden. Im Apartheidsstaat durfte er offiziell nur gegen andere schwarze Boxer antreten.

Was wäre ein Musical ohne einen romantischen Handlungsstrang? Ratzbatz wird die Bühne zu einer illegalen Kneipe, der Shebeen “Back of the Moon” umgebaut. Besucher schwingen ihr Tanzbein und die Shebeen Queen Joyce tritt dort im engen Glitzerkleid als Sängerin auf. Die Rolle der Joyce ist keine einfache, nicht nur weil das Gesangsstück „Back of the Moon“ ein weites Spektrum Tonhöhen umfasst, sondern auch, weil die Fußstapfen denkbar groß sind. In der originalen Inszenierung von 1959 spielte Miriam Makeba diese Rolle und begann damit ihre internationale Karriere. Die jetzige Darstellerin Nondumiso Tembe ficht das nicht an. Im Interview las ich, dass sie, weil ihre Stimme ganz anders ist als die von Miriam Makeba, deren Interpretation nur als Inspirationsquell, nicht als Kopiervorlage nutzte – und sich so gewissermaßen emanzipierte. In diese Shebeen kommt King Kong kommt als Special Guest, um seinen Erfolg zu feiern. Und er verfällt Joyce. Das wiederum findet der Gangster Lucky nicht so gut, der, zusammen mit seinen Komplizen, King Kong auflauert. Die drei Ganoven fuchteln gefährlich mit ihren Messern, schon der leicht irre Blick des Lucky-Darstellers Sanda Shandu vermittelt aber den Eindruck, dass mit den drei Herren in Nadelstreifenhosen und Westen nicht gut Kirschen essen ist. Am Ende eines spektakulären Bühnenkampfs geht jedoch ein Gangster zu Boden, nicht King Kong, der sich mit Fäusten zu wehren weiß.

Ab diesem Punkt wird die Handlung ziemlich tragisch. King Kong wird verhaftet und verbringt einige Zeit hinter Gittern. Als er wieder freikommt, hat sein Boxtrainer Jack ihn fallen lassen. Schlimmer noch: Es finden sich keine würdigen Gegner mehr. Letztlich ist es Gangster Lucky, der einen Kampf für King Kong einfädelt. Der Gegner ist allerdings ein Mittelgewichtsboxer – Schwergewicht King Kong ist in seinem Stolz gekränkt. Umso mehr, nachdem er in Runde 3 k.o. geschlagen wurde. Auch in der Liebe hat er kein Glück. Als King Kong verhaftet wurde, war Joyce am Boden zerstört. Nun sieht er sie aber mit Lucky. Das bringt King Kong so zur Weißglut, dass er sie aus Eifersucht ersticht. Noch mit Blut auf dem Hemd steht er vor Gericht und wird zu lebenslanger Haft verurteilt. King Kong selber wollte für sich die Todesstrafe. Doch das Gerichtsurteil bringt ihn von der Entscheidung, sterben zu wollen, nicht ab: Im Gefängnis begeht er Selbstmord. Während der King Kong Darsteller Andile Gumbi im ersten Akt den stolzen Kraftprotz geben durfte, beweist er nun, dass ihm auch der gebrochene Mann ganz gut liegt.

Zum Glück gibt es in diesem Jammertal von zweitem Akt Popcorn, der nicht nur die Erzählerrolle übernimmt, sondern auch den komödiantischen Part abdeckt. Und er bekommt seine eigene Liebesgeschichte. Von Anfang an schwärmt er für Petal, die ihn zunächst keines Blickes würdigt, weil sie die Augen nicht von King Kong wenden kann. Ihm wiederum ist sie egal – Joyces verruchte Art interessiert King Kong mehr als das brave Mädchen Petal. In einem sehr stimmungsvollen Lied singt Petal dann jedoch, dass die Zeit des Wartens vorbei ist und macht daraufhin Popcorn einen Heiratsantrag. Die Hochzeit auf der Bühne ist dann sogar eine doppelte: Auch der Boxtrainer Jack hat den Heiratsantrag seiner Mirjam angenommen. Für ordentliches Lachmuskeltraining sorgt in dieser Szene der slapstickmäßig gestresste Pfarrer, der nach einer absolut nicht unchaotischen Turbotrauung schnellstmöglich davon rauscht. 

Als der Vorhang fällt, gibt es Standing Ovations. Auch wenn ich nach vier Theaterbesuchen das Gefühl habe, dass sich südafrikanisches Publikum schnell dazu hinreißen lässt, muss ich sagen, dass ich es in diesem Fall für gerechtfertigt halte. Musikalisch, tänzerisch und schauspielerisch haben alle Beteiligten eine hochkarätige Aufführung abgeliefert.

 

 

 

Die letzte Woche im Büro

In der letzten Woche hatte ich nur noch ein Datum im Hinterkopf. Der 19. August, mein Rückflugdatum. Meine Tage im Büro haben sich so angefühlt, als würde ich auf eine wichtige Deadline hinarbeiten. Auf dem Weg dorthin habe ich noch einmal einen immensen Aktionismus an den Tag gelegt.

Vergangene Woche Freitag bin ich mit ehrgeizigen Plänen um 5:30h aus dem Bett gehüpft. Nachdem meine Mitfreiwillige Anna vor 3 Wochen zur Abschiedsfete im Büro eine gigantische Torte gekauft hatte, musste ich mir etwas Gutes für die Kollegen einfallen lassen. Die Idee: Käsespätzle! Der Plan: Früh aufstehen, um die Spätzle vor der Arbeit in die Auflaufform zu bugsieren und in der Mittagspause nur noch in den Ofen stellen zu müssen. Dass es eine Herausforderung werden würde, Käsespätzle für knapp 20 Leute in unserer winzigen und nur mittelprächtig ausgestatteten WG-Küche zu 20170811_091515kochen, war absehbar. Tatsächlich war unser allergrößter Topf gerade so groß genug als Teigschüssel. Was das Prozedere jedoch sehr erschwerte: Ich hatte mir ausgerechnet einen Morgen mit Stromausfall für meine Großaktion ausgesucht. Im Licht meines Handydisplays konnte ich zwar Zwiebeln und Speck schnippeln, Käse reiben und Spätzleteig aus 2kg Mehl zusammenrühren, aber nichts kochen. Knapp drei Stunden später gab es wieder Strom, ich ließ nach und nach die Spätzle zu Wasser, schichtete sie dann in alle in meiner WG und bei den Nachbarn im Vorderhaus vorhandenen Auflaufformen und kam eine gute Stunde zu spät zur Arbeit.

Gegen Mittag flitzte ich die 250 Schritte vom Büro nach Hause zurück, überschmolz die Spätzle im Ofen mit Käse, verpackte sie transporttauglich und schlug den Weg zurück ins Büro ein. Der Name des Gerichts trug maßgeblich zur guten Stimmung bei, denn „Käsespätzle“ auszusprechen ist für englischsprechende Menschen offenbar eine ultimative Herausforderung. Die Spätzle selber lagen offenbar etwas besser auf der Zunge – Zwei Kollegen haben mich sogar nach dem Rezept gefragt.

Obwohl die Spätzle ein reichhaltiges Essen waren, gab  es später noch Schokotorte – von den Kollegen für mich. Dazu noch ein Shirt und einen Rucksack aus mit afrikanischen Mustern bedruckten Stoffen und viele nette Worte. Alles in allem fühlte ich mich schon vermisst, bevor ich überhaupt richtig weg war. Auch ich selber werde meine Kollegen bestimmt vermissen. Auch wenn mir meine Arbeit manchmal auf den Keks ging (immer dann, wenn ich seitenweise Teilnehmerlisten abtippen musste oder in Dienstbesprechungen über Themen, die mich nicht betrafen, fest hing), habe ich das freundliche und lockere Miteinander mit ihnen sehr genossen.

Warum habe ich mich schon am Freitag verabschiedet? Das lag vor allem daran, dass ich meine allerletzte Woche in einem so gut wie leeren Büro verbracht habe. Nahezu alle Kollegen waren in Johannesburg, wo vom 16. bis  18. August das Gipfeltreffen des Southern African People´s Solidarity Network stattfand. AIDC war an der Organisation maßgeblich beteiligt, hatte wichtige Teile der Arbeit aber auf die letzte Minute verschoben. Deswegen habe ich am Montag  und den halben Dienstag lang zusammen mit vier anderen Kollegen 1000 Namensschildchen zugeschnitten, auf Karton geklebt und jeweils auf eine Schnur zum Umhängen gefädelt.

Obwohl ich bei AIDC in den letzten Monaten „nur“ die Freiwillige war, war kopieren nicht meine einzige Aufgabe. Nichtsdestotrotz habe ich mich in der Zeit zur versierten Dompteurin des widerspenstigen Geräts gemausert. Mit der Broschüreneinstellung kann der Drucker sogar  gefalzte und getackerte Heftchen ausspucken – und weil ich einen Überblick über die nötigen Einstellungen habe, durfte ich in der vergangenen Woche Booklets nachdrucken. Einmal aufs Knöpfchen drücken und dann nur noch warten? Schön wär´s! In sehr regelmäßigen Abständen fiept nämlich der Drucker und verlangt nach Papier, Toner oder dem Ausleeren der Dokumentenausgabe. Und bei 100 Booklets a 60 Seiten wird dann auch das Bewachen des Druckers zur tagesfüllenden Aufgabe.

DSC_0226Diese beiden Großaktionen hätten beinahe die Fertigstellung meines eigenen Projekts, eines dritten Stop-Motion-Films über den Klimawandel gefährdet. Zum Glück war mein treuer Sprecher, Sizwe, nicht mit den anderen in Johannesburg und hatte die Muße, den Text für mich einzusprechen. Tatsächlich habe ich die Tonaufnahme und den Schnitt an nur zwei Tagen durchgezogen, für eine englische und xhosasprachige Version. Was mich fast wahnsinnig gemacht hätte, ist, dass der Xhosa-Sprechtext so viel länger dauert als die englische Version. Schon das Wort für Klimawandel, „ukuguqu-guquka kwmozulu“ (mit zwei geschnalzten q) ist im Vergleich zu „Climate Change“ ein Ungetüm. Um die wortreichen Erklärungen auszugleichen, habe ich auch mit den Bildern noch etwas umdisponieren müssen. Donnerstagnachmittag dann konnte ich die Filme dann tatsächlich speichern und auf der Website hochladen, dort sind sie nun verfügbar.

Was für eine Woche! Ein Stromausfall, mehrere Großeinsätze und ungezählte Abschiede. Den Freitag nahm ich mir daraufhin frei, um meinen Koffer packen zu können – in Ruhe.

 

Speisekarte

 Die Suche nach dem Nationalgericht ist in Südafrika wahrscheinlich noch aussichtsloser als in den meisten anderen Ländern – zu vielfältig sind die Bevölkerungsgruppen. Das macht das Essen umso interessanter. Zeit für einen Ausflug in die Kulinarik…

Zum Frühstück…

Wenn ich an Frühstück denke, fallen mir als allererstes die schier unendlich vielen verschiedenen Varianten von Porridge ein. Natürlich kann man auch ganz profane Haferflocken kaufen, optional gibt es aber auch Instant-Haferporridge in mindestens 8 Geschmacksrichtungen, den man nur noch mit Wasser aufgießen muss. Ungefähr dieselbe Auswahl hat man, wenn man Frühstücksbrei auf Maisbasis kaufen will. Quinoa-Brei gibt es auch noch.

Ein ebenfalls sehr typisches Frühstück ist Umphokoqo. Das ist ein krümelig gekochter Maisbrei, der mit Sauermilch, Amasi, gegessen wird. Maisbrei habe ich mir noch nie selber gekocht, aber Amasi habe ich in den letzten Monaten für mein eigenes Frühstück liebgewonnen: Sie schmeckt nicht viel anders als Naturjoghurt, ist aber deutlich günstiger – und von daher eine gut geeignete Zutat für mein morgendliches Müsli.

Zu den meiner Meinung nach brilliantesten Brotaufstrichen im ganzen Supermarktregal gehört Peanut Butter Double Crunch – Mit Erdnussbutter und Karamellstückchen. Auch wenn ich das Zeug löffeln könnte, gefällt mir auch die Variante Erdnussbutter-Marmeladen-Toast ganz gut. Im Prinzip nichts Neues unter der Sonne – die hiesige Bezeichnung ist aber sehr poetisch: True Love.

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In einer Vetkoek-Braterei in Soweto

„It´s a breakfast thing“, sagte Isaac, mit dem ich in Soweto unterwegs war, über Vetkoeks. Vetkoeks… Im Prinzip handelt es sich dabei um frittierten Weißbrotteig. Tatsächlich stehen die Leute dafür morgens Schlange. Zum Vetkoek dazu gibt es gerne Poloni – Wurst, die wahrscheinlich alles außer Fleisch enthält. Wenn der Vetkoek frisch aus der Fritteuse kommt und noch heiß ist, schmilzt die Poloni auf dem Teig wie Butter. Wer früh um 8 schon ein bis zwei Vetkoeks intus hat, muss auf jeden Fall vor dem Mittagessen einige Bäume ausreißen, um in Form zu bleiben.

Was so´ne Fritte alles kann

Nicht nur Brotteig landet in der Friteuse, auch Kartoffeln bleiben nicht verschont. Das Ergebnis davon hatte für mich Kulturschock-Potential. Wenn ich Pommes bestelle, erwarte ich in der Regel ein Minimum an Knusprigkeit von den frittierten Kartoffeln. Die hiesigen Slapchips sind nämlich genauso schlabberig, wie sich das Wort schon anhört. Und eine wesentliche Zutat für allerlei andere Gerichte. Für Anfänger gibt es Chip Roll, das ist ein Burgerbrötchen gefüllt mit Pommes – Kohlenhydrate, was braucht man mehr?Vielleicht einen Gatsby. Bei Gatsbys wurde das Chip Roll Prinzip auf Baguettegröße ausgedehnt. Dafür liegen dann aber nach Wahl auch noch Salatblätter, Tomaten, kleingeschnittene Würstchen, Hühnerfleisch… auf der Weißbrotunterlage. So ähnlich funktioniert ein Kota. Das ist ein Viertel Toastbrot, aus dem das Innere herausgepult und durch Pommes, Wurst, Ei, Käse und ähnliches ersetzt wurde. Anschließend wird der Brotteig wieder über die Füllung drapiert – fertig!

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Ein Kota

Auf die Würzung kommt es an

20170728_140048.jpgMit dem Kota artverwandt, aber keinesfalls zu verwechseln, sind Bunny Chows. Statt mit Pommes, ist das Toastbrot nämlich in diesem Fall mit Curry gefüllt. Curry schmeckt in Kapstadt – wahrscheinlich liegt das am kapmalaiischen Einschlag – in der Regel sehr gut. Toastbrot ist nicht die einzige kreative Verpackungsmöglichkeit: Wenn das Curry in eine Art Pfannkuchen eingerollt ist, spricht man von Salomi. Erwähnenswert wären auch noch Samoosas. In den dreieckigen und knusprig frittierten Teigtaschen steckt längst nicht nur Curry. Es gibt auch Varianten mit Gemüse- oder Fischfüllung, die aber ebenso gut gewürzt sind.

Nirgendwo sonst gibt es wahrscheinlich Bobotie. Das ist eine Art Hackbraten mit einer cremigen Glasur aus gestockter Eiermilch. Das besondere ist die Würzung: Curry, Kurkuma, Lorbeer, Rosinen… Eine gelungene Mischung aus süß und scharf. Der Ursprung soll in der Küche der Sklaven in der Kapkolonie liegen, die aus billigstem Fleisch etwas leckeres kochen wollten, und dazu auf die Gewürze zurückgriffen, die von den Handelsschiffen so „runterfielen“. Als Beilage gibt es süßen, gelben Reis. Wenn obendrein Bananen gereicht werden, sollte man das als Warnung begreifen: Achtung scharf!

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Braai

„Bist du Vegetarierin?“ hat mich Norma, unsere Rezeptionistin, schon bestimmt 20 Mal gefragt. Und obwohl ich jedes Mal verneinte, wird sie den Verdacht nicht los. Offenbar sehe ich in ihren Augen so aus, als würde ich nicht ordentlich essen. Und eine ordentliche Mahlzeit, das ist Gesetz, enthält Fleisch. Wahrscheinlich erklärt das auch, weshalb Grillen, oder, wie das hier heißt, Braai, Volkssport ist.

Auf dem Rost landen einerseits die besten Stücke von Huhn, Lamm und Rind. Schweinesteaks sind,  soweit ich weiß, eher weniger verbreitet. Ziemlich elitär geht es zu, wenn mit Straußenfleisch oder Wild, wie Kudu und Springbok aufgebraten wird.

Die Township Kultur hat zwei weitere Grillgerichte mit sehr sprechenden Namen hervorgebracht: Gegrillte Hühnerfüße heißen Walkie-Talkie. Wenn ein ganzer Schafskopf auf dem Rost landet, ist von Smiley die Rede. Essbar sind die Bäckchen und das Hirn. Beide Gerichte habe ich nicht probiert.

Auch eine Variante von Bratwurst gibt es. Die Boerewors zeichnet sich durch eine Koriandernote aus und beweist, dass Fett ein guter Geschmacksträger ist. Man kann sie in ein Hotdog-Brötchen eingeklemmt und mit Röstzwiebeln garniert kaufen – eine Boerewors Roll.

Biltong-Latein

Als die Buren nach der Ankunft der britischen Kolonialisten auf den großen Trek aufbrachen, war das mit dem Grillen offenbar nicht so einfach. Sie wussten sich zu helfen: Das Fleisch wurde zur Konservierung getrocknet. Das Ergebnis heißt Biltong. Am weitesten Verbreitet ist Biltong auf Basis von Rind, aber auch Huhn, Strauß und Wild wird getrocknet. Im Supermarkt, in dem ich meistens einkaufe, gibt es eine „Biltong Bar“  Dort kann man am Schalter Biltong für x Rand kaufen und bekommt das Trockenfleisch dann in einer braune Papiertüte verpackt über den Tresen gereicht. Neben verschiedenen Würzungen hat man auch die Auswahl zwischen verschiedenen Vertrocknungsgraden. Chunks haben meistens noch etwas Restfeuchte, Snapsticks dagegen sind völlig trocken und man hat ganz schön an ihnen zu beißen.20170815_075158.jpg

So ähnlich verhält es sich mit Droewors, nur dass es sich hierbei um vertrocknete Würstchen handelt. Sie sehen ungefähr aus wie fingerdicke Wurzeln und sind ungefähr ebenso hart, geschmacklich aber nicht zu verachten.

Big Moma´s Kitchen

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Pap, Chicken Stew und Chakalaka

So heißt der Imbiss, zu dem ich manchmal in der Mittagspause gehe. Einerseits um die Xhosa-Gespräche der Köchinnen zu belauschen, andererseits schmeckt auch das Essen, das als African beworben wird, sehr lecker. Was gibt es? In der Regel Stew mit Huhn, Lamm oder Rind. Der Knochen wird mit serviert. Es ist üblich, das Knochenmark auszuzutscheln. Freitag  gibt es Innereien, eine Art Kutteln vermute ich, aber da habe ich mich bisher noch nicht dran getraut. Interessanter sind sowieso die Beilagen. Am besten schmeckt mir Samp&Beans, Umgqusho. Das sind Maiskörner und Bohnen, gekocht mit Zwiebeln und scharfen Gewürzen. Nahezu völlig geschmacksneutral ist dagegen Pap. Der steife Maisgrießbrei wird in einem großen Klumpen aufgetischt. Traditionell bröckelt man davon mit den Fingern Stückchen ab, die dann in die Soße getaucht werden. Mein Lieblingsgemüse ist Chakalaka.  Das sind fein geschnittene Paprika und Zwiebeln und Bohnen in einer dicken Tomatensoße. Erneut gilt: Achtung spicy! Wer es milder mag, kann Creamy Spinach bestellen. Creamy ist in diesem Fall sehr wörtlich zu nehmen. Es handelt sich quasi um Blattspinat in Sahnesoße.

Süße Kleinigkeiten

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Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll! Zu meinen Lieblingen gehört auf jeden Fall Melktart. Das ist so ungefähr die hiesige Variante von Käsekuchen. Die puddingartige Milchcreme sitzt in einem Tortelett aus Mürbteig und ist großzügig mit Zimt bestreut. Melktart gibt es in jedem Supermarkt und in wahrscheinlich allen Durchmessern von 5 bis 25 cm.

Als nächstes fallen mir Koeksisters ein. Wobei sich hinter diesem Begriff eigentlich zwei völlig verschiedene Dinge verbergen. Einerseits gibt es kapmalaiische Koeksisters. Das sind ungefähr handtellergroße Krapfen, die wenn sie aus der Friteuse kommen in Sirup und Kokosraspeln gewälzt werden. Was sie ausmacht, ist aber der Geschmack nach Zimt und Kardamom und Gott weiß was für anderen Gewürze, die dem Teig eine besondere Note geben. Andererseits gibt es kapholländische Koeksisters.  Die bestehen aus zwei ineinander verdrehten Teigsträngen, die ebenfalls frittiert und dann in Sirup gebadet werden. Das hat zur Folge, dass man die Dinger nicht essen kann ohne klebrige Finger zu bekommen und ein klebriges Gefühl im Mund. Dafür bildet aber der Sirup auf dem Teig eine Art Kruste und macht die Koeksisters knusprig.

Nicht nur knusprig, sondern hart sind Rusks. Es handelt sich dabei so ungefähr um das Äquivalent zu Zwieback. Erfreulich finde ich aber, dass es viele verschieden Geschmacksrichtungen gibt. Von Kondensmilch- über Müsli-Rusks bis zu Kreationen wie Schoko-Kirsch oder Blaubeer-Mohn ist fast alles zu haben. Wenn man die Rusks dann zum aufweichen in den Tee taucht, sorgt das, finde ich, für eine sehr gemütliche Atmosphäre.

Date Balls, Madeira Loaf, Lamingtons, Hertzoggies, eine gigantische Auswahl Donuts… Für Leute mit süßem Zahn gibt es auf jeden Fall viel zu probieren.

Zu Trinken

Kein Bürotag ohne Rooibos-Tee. Rooibos ist eine Fynbos-Pflanze und wächst am Kap sogar wild. Ander als in Deutschland, wo man im Café oft sehr spezifisch nach Rooibostee fragen muss, ist es hier der totale Normalfall. Das Rooibosteefieber hat noch ein Getränk hervorgebracht, das ich sehr zu schätzen gelernt habe: Cappuccino Red. Das ist ein Cappuccino auf Teebasis – und ich muss sagen, dass ich den Kaffee dabei nicht vermisse.

Was gerade in der Kapregion ebenfalls gut wächst, ist Wein. Die Weinberge rund um Stellenbosch und Franshoek liefern die Trauben für den einen oder anderen guten Tropfen. Mein Spezialgebiet ist das aber nicht. Wenn es an alkoholische Getränke geht, halte ich mich meistens an Cider fest. Savannah und Hunters sind die gängigen Labels und fast so weit verbreitet wie Bier.

Falls der Alkoholkonsum mal ausgeartet sein sollte, empfehlen meine Mitbewohner Stoney Gingerbeer gegen den Kater. Auch wenn Stoney das Beer  im Namen trägt, handelt es sich um ein ganz alkoholfreies Erfrischungsgetränk. Es schmeckt so ähnlich wie Schweppes Ginger Ale, nur unendlich viel süßer. Ob es wirklich gegen Kater hilft, kann ich nicht beurteilen. Tatsächlich scheint es aber unter allen Cool Drinks ein Favorit zu sein. Und das will etwas heißen, denn zuckerige Erfrischungsgetränke gibt es in allen erdenklichen Geschmacksrichtungen (süß, süßer, noch süßer) und Farben (braun, gelb, orange, knallorange, grün, rot…). Absurderweise kostet eine 2l-Flasche – das ist keine unübliche Verpackungsgröße – oft weniger als die gleiche Menge Wasser.

 

Diese Liste – und sie erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit – ist, denke ich, eine gute Illustration, wie schwierig „südafrikanische“ Küche zu definieren ist. Selbst wenn es kein Nationalgericht gibt, dann doch einen kulinarischen gemeinsamen Nenner. So weit ich das beurteilen kann, lässt sich der in folgenden Regeln zusammenfassen:

  • Eine Mahlzeit ohne Fleisch ist eine verlorene Mahlzeit
  • Der Grill darf niemals kalt werden
  • Das gleiche gilt für die Friteuse
  • Wenn schon süß, dann so richtig

 

Guten Appetit!

 

Jetzt geht’s rund #4

Zwischendurch hatte ich schon nichtmehr daran geglaubt, dass der reißerische Titel meiner im April angefangenen Serie (hier gibt es #1, #2 und #3 zu lesen)  noch einmal zutreffen wird. Nachdem am 22. Juni der Constitutional Court beschlossen hatte, dass die geheime Abstimmung im Misstrauensvotum gegen den Präsidenten verfassungskonform ist, haben die Dinge zuletzt noch einmal Fahrt aufgenommen.

Am Montag fand ich mich wieder einmal in einem großen Protestmarsch gegen Zuma wieder. Ganz so viele Menschen wie am 7. April waren es allerdings nicht. Das liegt wahrscheinlich daran, dass dieses Mal nicht alle gemeinsam auf die Straße gingen. Der Marsch am Montag wurde von der „Civil Society“ getragen, die Oppositionsparteien dagegen marschierten erst am Dienstag und nicht zusammen.20170807_160207

Am Dienstag hatte ich die Gelegenheit, das Misstrauensvotum von der Besuchertribüne des Parlaments aus live zu verfolgen. Verbunden war das mit langem Schlangestehen und Warten, aber es hat sich gelohnt. Meine Erfahrung mit Parlamentsbesuchen beschränkte sich bisher auf eine außerordentlich langweilige Sitzung des Thüringer Landtags. Im Vergleich dazu, waren die Abläufe im National Assembly ein Kontrastprogramm.20170808_114735

Schon bevor die Debatte überhaupt begann, schlackerten mir nur so die Ohren. ANC-Parlamentarier, die laut singend und tanzend in den Sitzungssaal einziehen, und damit so lange nicht aufhören, bis sie – „Order in the House!“ – zurechtgewiesen werden. Währenddessen und direkt in meinem Blickfeld nehmen die Abgeordneten der Economic Freedom Fighters ebenfalls nicht gerade geräuschlos ihre Plätze ein.  Sie stecken allesamt und von oben in bis unten in kräftigst roten Kleidern, manche in einteiligen Arbeitsoveralls, andere in Hose und Hemd oder Kleid, dann aber garniert mit Arbeiterklasse-Accessoires wie Bauarbeiterhelmen und Gummistiefeln. In der nach dem ANC zweitgrößten Fraktion, der Democratic Alliance dagegen, herrscht Businesspeople-Garderobe vor. Die National Assembly ist bunt und laut.

Leiser wird es auch während der Debatte nicht. Die Parlamentssprecherin muss ihre geballte Durchsetzungsfähigkeit nutzen, um für „Order in the House zu sorgen“. Buhen, klatschen und unterbrechen gehören offenbar zur Parlamentskultur. Und auch die Redner scheinen fast genüsslich zu provozieren. Zum Beispiel eine DA-Abgeordnete, die in ihrer Rede grundsätzlich von „Jacob Zuma“ redet. Daraufhin kommt aus der ANC-Fraktion die Beschwerde, dass die korrekte Anrede „Mister Jacob Zuma“ oder „the President“ lautet. Trotz mehrerer Zurechtweisungen verzichtet sie weiter auf den Gebrauch von Ehrentitel. Oder die EFF-Abgeordneten, die grundsätzlich Anträge an die Geschäftsordnung nutzen, um politische Statements abzugeben. Die Redezeit überziehen sowieso fast alle Sprecher und verlassen erst das Pult, wenn ihnen das Mikrofon abgedreht wird.

Obendrein ist die Debatte auch inhaltlich ein heftiger Schlagabtausch. Die Opposition betont die Wichtigkeit des Misstrauensvotums im Kampf gegen Korruption und State Capture. An vielen Beispielen wird erklärt, dass Zuma ein Problem ist, weil er in ein Konstrukt aus Lügen verstrickt ist. Unterschiedliche Meinungen dagegen haben DA, EFF und kleinere Oppositionsparteien, ob nur Jacob Zuma das Problem darstellt, oder gleich der ganze ANC. Zumindest ein ANC-Mitglied genießt allerdings große Beliebtheit: Die Parlamentssprecherin Baleka Mbete, die am Vortag beschlossen hat, dass die Abstimmung geheim stattfinden soll. Anders als die Opposition, die die geheime Abstimmung als Chance betrachtet und an die Abgeordneten appelliert, auf ihr Gewissen, statt auf die Fraktionslinie zu hören, äußern sich die ANC-Redner sich kritisch. Die Wähler sollen wissen, wie ihre Abgeordneten gestimmt haben. Und überhaupt: Wer als ANC-Abgeordneter gewählt wurde, wird auch wie einer abstimmen und der Parteilinie folgen. Manche Argumente wirken ein bisschen lustig: Zum Beispiel, dass eine geheime Abstimmung Bestechung Tür und Tor öffnet. Oder dass sich der ANC mit seiner über hundertjährigen Tradition nicht von „Start-ups“ und „Mickey-Mouse-Organizations“ belehren lassen wird. Ein passendes Mandela-Zitat haben beide Seiten für ihre Reden gefunden.

Alles verstanden habe ich wahrscheinlich nicht, nicht nur wegen der Lautstärke, sondern auch, weil einige Redner mittendrin ins Afrikaans, Zulu oder Xhosa gewechselt sind. Für die anderen Abgeordneten kein Problem – mit einem Kopfhörer im Ohr bekommen sie die Rede in ihre Sprache verdolmetscht. Schließlich ist Englisch nur eine von 11 Amtssprachen.

Nach zirka zwei Stunden schließt Parlamentssprecherin Mbete die Debatte und fragt, ob es Einsprüche gegen die Durchführung des Misstrauensvotums gibt. Die ANC-Fraktion ruft geschlossen „YES!“. Dass die Abstimmung schließlich doch stattfindet, liegt an einem Abstimmungsmodus, den ich bisher nur aus dem Zirkus kannte. Mbete bittet alle Befürworter des Misstrauensvotums „No!“  zu rufen, alle Gegner „Eye!“ und beschließt dann, dass die Befürworter lauter waren. Zwar hat Zuma seit er 2009 ins Amt kam schon 6 Misstrauensvoten überstanden, die geheime Abstimmung ist allerdings ein Novum. Folglich gibt es noch einige Fragen zu klären: Muss die Parlamentssprecherin auch abstimmen? Und wie viele Stimmen werden eigentlich gebraucht, um Zuma zu stürzen?

Anschließend werden weiße Abstimmungskabinen aufgestellt, die Abgeordneten werden in alphabetischer Reihenfolge aufgerufen und setzen ihr Kreuzchen. Während der Auszählung der Stimmen, die auf großen Tischen in der Mitte des Sitzungssaals stattfindet, haben die Parlamentarier Pause. Gegen 18:30h wird das Ergebnis verkündet: Von 400 Abgeordneten haben 384  ihre Stimme abgegeben. 177 sprachen sich gegen Zuma als Präsident aus, 198 für ihn. 9 Parlamentarier enthielten sich.

Was bedeutet das nun? An allererster Stelle, dass der Präsident Südafrikas immer noch Jacob Zuma heißt. Das war in gewisser Weise zu erwarten, weil der ANC eine komfortable Mehrheit von 249 von 400 Sitzen hat. Das Ergebnis bedeutet aber auch, dass gut 40 ANC-Abgeordnete nicht für Zuma gestimmt haben. Alle Augen richten sich nun auf den ANC-Parteitag im Dezember. Es ist möglich, dass dort ein parteiinternes Misstrauensvotum abgehalten wird. So könnte Zuma erst als Parteivorsitzenden abgewählt und so der Weg für das Ende seiner Präsidentschaft geebnet werden.